Ernsthafter Fotografieren?
Was fehlt, wenn vielleicht nichts fehlt?

10.06.2026 | Herbert Koeppel (Text)


Vor kurzem hat mir G., den ich schon sehr lange kenne und der aus meiner Sicht in dieser Zeit eine sehr interessante Entwicklung in fotografischer Hinsicht hingelegt hat, die Aufgabe gestellt, ihm dabei zu helfen, „ernsthafter" zu fotografieren. Zwei erfolgreiche Ausstellungen liegen hinter ihm, eine dritte steht heuer noch an. Seine Bilder, die er dabei bisher zeigte, waren sehr unterschiedlich. Doch beide Themen sind beim Publikum wirklich gut angekommen. Er hat also das, was viele anstreben. Ausstellungen, Themen, ein Publikum, das reagiert.

Und trotzdem drückt der an mich gerichtete Wunsch aus, dass irgendetwas fehlt.


Doch was bedeutet es eigentlich, „ernsthafter" zu fotografieren? Ich komme nicht umhin, zunächst für mich selbst versuchen herauszufinden, was es damit überhaupt auf sich hat. Und irgendwie schwant mir: Die Frage gilt auch für mich.

Wie so oft steht dabei am Anfang die Recherche. Im Netz landet man beim Begriff „ernsthafter fotografieren" fast ausschließlich bei Technik-Ratgebern. Blende, ISO, Kompositionsregeln, Bildbearbeitung. Gute Fotos entstehen nicht durch teures Equipment, sondern durch Übung, Kreativität und Freude am Gestalten. Das ist dann schon oft der tiefste Gedanke, den die meisten dieser Inhalte erreichen.

Im englischsprachigen Raum gibt es etwas mehr Substanz, rund um den Begriff „intentional photography". Intentionalität heißt dann wissen, was man tut. Sich in Sachen Fotografie disziplinieren, statt nur die Zufälligkeit regieren zu lassen.

Interessant wird es dort, wo der kommerzielle Rahmen wegfällt. Wenn die eigene fotografische Praxis nicht mehr als Einnahmequelle gesehen wird, beginnt man sie als Leidenschaft zu begreifen, frei von allen äußeren Erwartungen. Fine Art Photography wird dann definiert als die intentionale Nutzung der Fotografie als künstlerisches Medium, eine individuelle Beschäftigung mit einem Interesse, das nicht beauftragt ist.

Die Fotografietheorie geht weiter. Roland Barthes unterschied in "Die helle Kammer" zwischen Studium, dem kulturell Lesbaren im Bild und Punctum, dem, was einen persönlich trifft, ohne dass man genau erklären könnte warum. Das Studium ist das, was ein Bild lesbar macht. Das Punctum ist das, was einen nicht loslässt. Ernsthafte Fotografie wäre vielleich dann auf das Punctum hinarbeiten, nicht nur das Studium bedienen.

Ernsthafter Fotografieren? - Was fehlt, wenn vielleicht nichts fehlt?

Aus der Praxis kommen nicht weniger widersprüchliche Antworten. Ansel Adams entwickelte sein Zone System als Werkzeug für eine präzise Vorstellung des Endbildes. Visualization nannte er es, das fertige Bild vor dem Auslösen im Kopf haben. Garry Winogrand sagte sinngemäß das Gegenteil. Er fotografiere, um zu sehen, wie Dinge aussehen, wenn sie fotografiert werden. Keine Aussage vorab, aber Fotografie als Erkenntnisprozess. Diese beiden Positionen schließen sich fast aus. Und trotzdem haben beide recht jeweils für sich.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Frage. Nicht nur für G., sondern auch für mich: Welches Modell von Ernsthaftigkeit passt zu wem?

Denn Ernsthaftigkeit zeigt sich nicht nur in der Haltung vor dem Auslöser. Wer immer dasselbe fotografiert, auf dieselbe Weise, hört irgendwann auf zu sehen. Ernsthaftigkeit bedeutet, sich selbst unbequeme Fragen stellen. Warum dieses Motiv? Warum dieser Ausschnitt? Was will ich eigentlich zeigen? Sie zeigt sich in der Auswahl! Ein Bild zeigen ist eine Entscheidung. Viele Fotografen:innen machen und zeigen viel zu viele Bilder, aus Unsicherheit, aus Gefälligkeit, aus dem Wunsch nach Bestätigung.

Ernsthaftigkeit heißt hier weniger zeigen, dafür mit Überzeugung. Und sie zeigt sich im Verhältnis zur eigenen Absicht. Weiß ich, warum ich fotografiere? Nicht als philosophische Dauerfrage, sondern konkret, heute, mit diesem Motiv oder Projekt. Wer das nicht beantworten kann, fotografiert vielleicht fleißig. Aber wahrscheinlich nicht ernsthaft.

Was ich G. antworten werde, weiß ich noch nicht. Zuerst werde ich ihn fragen, was er selbst damit meint, was sich anders anfühlen sollte wenn er dann „ernsthafter“ fotografiert. Vielleicht ist das auch die eigentliche Aufgabe!

Nicht eine Antwort liefern, oder einen Weg vorab zu skizzieren, sondern gemeinsam die richtige Frage finden.



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Herbert Koeppel
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