09.06.2026 | Herbert Koeppel (Text), Bild-Buchcover Piper-Verlag
Joseph Jebelli ist Neurowissenschaftler. Sein Buch „the brain at rest — Wie wir durch Nichtstun unser Leben verbessern können" klingt zunächst nach einem dieser Ratgeber, die man kauft, kurz anliest und dann ins Regal stellt, wo sie zwischen anderen gut gemeinten Büchern verschwinden.
Doch so ist es nicht.
Joseph Jebelli: the brain at rest — Wie wir durch Nichtstun unser Leben verbessern können. Piper, 2025.
Jebelli beginnt mit einer einfachen, aber unbequemen Beobachtung: Unsere Welt ist oft nur effizient. Das sehr gut sogar. Aber auch dadurch trostlos.
Man denke an den Handwerker, der heute mehr dokumentiert und Bewertungsportale pflegt als er handwerkt. An den Wissenschaftler, der mehr Förderanträge schreibt als forscht. An den Journalisten, der nach Klickzahlen optimiert statt nach Relevanz. An den Musiker, der primär Content Creator sein muss. Instagram, Reels, Algorithmen und dessen Werk dabei zur Nebensache geworden ist. Überall dort, wo ein Beruf ursprünglich eine innere Logik hatte und diese durch externe Effizienzanforderungen verdrängt wurde, entsteht nicht nur Erschöpfung. Es entsteht Sinnverlust. Auch die Fotografie ist nicht verschont geblieben. Der Perfektionswahn der digitalen Bildproduktion, die Besessenheit mit technischer Perfektion auf Kosten des eigentlichen Sehens.
Er erklärt, dass unser Gehirn mit zwei Netzwerken arbeitet. Das exekutive Netzwerk, das Arbeitsnetzwerk, das uns fokussiert, plant, entscheidet. Und das Ruhezustandsnetzwerk, jenes große neuronale System, das sich nur aktiviert, wenn wir uns gerade nicht auf eine Aufgabe konzentrieren. Wenn die Gedanken frei herumwandern dürfen. Wenn wir einfach schauen, ohne zu wollen.
Das Ruhezustandsnetzwerk, schreibt Jebelli, ist wie ein Orchester und das exekutive Netzwerk ist nur ein einzelnes Instrument darin. Dirigent ist die Ruhe. So wird Neurologie verständlich.
Was ich beim Lesen immer wieder markiert habe, waren nicht die Studien. Es waren die Sätze, die ich schon kannte, nur hatte ich sie nie so formuliert gesehen.
Zum Beispiel dieser: Erholung ist ein Akt der Emanzipation in unserem strapaziösen Kult der kurzfristigen Produktivität. Oder: Man braucht keine Rechtfertigung für die eigene Gesundheit. Oder, vielleicht am direktesten: Nie endende Arbeit ist nicht erstrebenswert. Sie geht immer auf Kosten unserer Gesundheit.
Das sind keine neuen Gedanken. Aber sie stehen jetzt mit neurowissenschaftlichem Rückhalt auf dem Papier. Das verändert jedenfalls für mich etwas.
Eine Amazon-Leserin bringt es so auf den Punkt: Sie habe Phasen, in denen sie einfach die weiße Wand anstarre. Früher habe sie gedacht, das sei Unfug. Jetzt wisse sie: Irgendwie arbeite sie weiter, nur nicht sichtbar. Das ist vielleicht der ehrlichste Satz, der bisher über dieses Buch geschrieben wurde. Seit ich das Buch gelesen habe, übe ich mich in etwas Ähnlichem: gleich nach dem Aufstehen mit einem Kaffee in den Garten schauen. So darf mein Gehirn in aller Ruhe in den Tag starten.
Jebelli gliedert das Buch in drei Bereiche: Arbeiten, Erholen, Spielen. Jedes Kapitel endet mit konkreten Hinweisen, keine frommen Wünsche, bei denen es einem üblicherweise gleich die Augen verdreht, sondern kleine, umsetzbare Dinge. E-Mails nur zu festen Tageszeiten abrufen. Den Tag in Zeitblöcke aufteilen, statt zwischen Aufgaben hin- und herzuspringen. Vor dem Einschlafen zehn bis fünfzehn Minuten einfach in die Luft schauen. Für viele wahrscheinlich sehr schwierig, das Smartphone begleitet sie bis ins Schlafzimmer, samt Smartwatch, um am nächsten Morgen nachsehen zu können, ob man gut und genug geschlafen hat.
Über das Smartphone schreibt er etwas, das sitzt: Mit jeder neuen Entdeckung auf unseren kleinen leuchtenden Taschenbildschirmen, die wir glauben zu machen, bekommen wir einen Schuss Dopamin. Unser Gehirn wird vom Dopamin dressiert, das exekutive Netzwerk am Laufen zu halten. Es sieht aus wie Zuckerbrot. Es ist in Wahrheit die Peitsche.
Und das Scrollen durch soziale Medien ist eben keine Erholung. Es ist die Abwesenheit von Ruhe in verkleideter Form. Kaum jemand schafft es heute, auf einer Parkbank zu sitzen und einfach nur zu schauen. Das Smartphone und der Dopaminkick locken ständig.
Für mich persönlich hängengeblieben ist die Passage über den Mittagsschlaf.
Jebelli schreibt, dass vier bis sechs Stunden konzentriertes Arbeiten pro Tag eigentlich reichen sollten und dass ein kurzes Hinlegen danach großartig ist. Mittagsschlaf schützt das Gehirn. Er senkt Stress, fördert die Regeneration, löst eine neue Art des Denkens aus. Wer die Möglichkeit hat, das einmal auszuprobieren: Ich kann es nur empfehlen. Ich mache mir darüber jedenfalls keine Gedanken mehr, wenn ich das nun tue.
Auch das Gehen hat mich erwischt. Jebelli schreibt, dass Spazierengehen die Struktur unseres Gehirns verändert. Es steigert die graue Masse in den Bereichen, die mit Lernen und Erinnerung verbunden sind. Der Spaziergang ist, wie er es nennt, die Herangehensweise der Natur, unseren Geist zu heilen. Ich bereite mich gerade auf einen 5-km-Lauf vor. Sehr mühsam, aber konsequent. Nach der Lektüre ist mir wieder einmal klar: Was ich da tue, ist nicht nur Training für die Beine.
Und dann ist da noch das einfache Schauen. Das Ruhezustandsnetzwerk aktiviert sich, wenn wir nichts tun, wenn wir in die Luft starren, wenn wir aus dem Fenster sehen. In der Fotografie kenne ich das. An einem Ort ankommen, viel schauen, weniger fotografieren. Hinschauen ohne die Absicht, sofort etwas festhalten zu müssen. Jebelli gibt dem einen neurologischen Grund. Das weiter zu kultivieren wird mir nicht schwer fallen. Es anderen in Workshops zu vermitteln wird interessant.
Ist das Buch perfekt? Nein. Einige Leser, und ich verstehe das, empfinden die Kernbotschaft als zu oft wiederholt. Pause gut, Dauerstress böse. Das stimmt. Jebelli trommelt diesen Punkt mit Ausdauer. Doch wenn wir unseren selbstinduzierten Stress so wie in grauer Vorzeit durch Flucht oder Kampf abbauen könnten, hätten wir das Problem mit Burnout und Dauerstress wahrscheinlich nicht. In einer zivilisierten Gesellschaft geht das nicht mehr. Daher ist es nicht schlecht, öfter über Pausen nachzudenken oder sie einfach mal wirklich auszuprobieren.
Ein kritischer Amazon-Rezensent schreibt, die Grundaussage sei reichlich banal, und die neurologischen Details gingen am Laien vorbei. Ja, die Grundaussage ist einfach. Aber gerade das Einfache ist oft das Schwierige. Jeder Selbstständige kennt das: Die Pause war im Plan. Wirklichkeit wurde sie nie. Und wer beim Lesen an eine neurologische Passage gerät, die er nicht sofort versteht, nun, was spricht dagegen, das Buch kurz zur Seite zu legen und darüber nachzudenken und gegebenenfalls dazu etwas zu recherchieren. Das wäre dann schon eine Praxis die irgendwie im Sinne von Jebelli ist.
Der ORF Ö1 lobt die wunderbar simplen praktischen Tipps. Die österreichische Buchkultur nennt es ein großes, neurologisch fundiertes Plädoyer für die große Pause. Beide haben recht. Und beide sagen damit auch: Es gibt keinen Trick. Es gibt nur die Erlaubnis, das zu tun, was das Gehirn ohnehin braucht, nämlich endlich die Erkenntnis zuzulassen, dass Pausen bei unseren Tätigkeiten ebenso wichtig sind wie die Pausen in der Musik zwischen den Noten.
the brain at rest ist kein Buch, das man liest und dann zur Seite legt. Es ist eines, in dem Leute wie ich viel anstreichen, weil man das Gefühl hat, dass da jemand Dinge ausspricht, die man schon lange wusste, aber noch nie so klar formuliert hatte.
Ruhe ist weise.
Das ist der Satz, mit dem ich das Buch begonnen habe zu lesen. Und den ich definitiv in meine Welt mitnehmen werde.
Links:
Diesmal gibt es keinen Link, um das Buch online zu kaufen. Es gibt Geschäfte, die Bücher verkaufen. Dort arbeiten echte Menschen. Geht doch bitte dorthin und kauft es euch dort. Schon alleine das Gehen zum Buchladen tut eurem Gehirn gut. Und wer nachsehen möchte ob Jebelli im WWW zu finden ist, schafft das auch auch ohne Link.
Vorheriger Beitrag
Analog | Digital | Farbfotografie | FineArt Printing | Fotografie & Kreativität
Gelesen | Klimakrise | Mac & Co | Neue Prints | Proletenschlauch Protokolle
Sammlung Koeppel | Social Media | The Good Photographer
Tummelplatz Galerie | Wienfluss.Erinnerungen
Wie Bilder wirken… | Workshops
Zwischen Gestern und Heute - Ratzenstadl, Magdalenengrund und Mariahilf