15.06.2026 | Herbert Koeppel (Bild,Text)
Vor einigen Jahren begann ich ein Projekt, das seither unter dem Arbeitstitel „Piano.Femina“ läuft. Im Grunde verband ich damit den Aspekt Fotografie mit meinem Faible für den Klang des Klaviers. Zwei Entscheidungen waren dabei damals ungewohnt: Das Projekt rein analog aufzunehmen, also auf Film, und dass die Akteure dabei Menschen wären.
Die Sache auf Film anzugehen war keiner Nostalgie geschuldet, sondern mich reizte die Unvorhersehbarkeit des Ergebnisses, dass ich aufgenommene Bilder erst nach der Entwicklung des Filmmaterials zu sehen bekäme. Diese bewusste Entscheidung gegen den digitalen Workflow sollte sich als kreativer Impuls erweisen. Die Ungewissheit schärfte meinen Blick, zwang mich, im Moment präziser zu sein.
Beim ersten Termin fiel mir auf, wie anders ich fotografierte. Kein Kippen der Kamera nach unten, kein Blick aufs Display. Nur Ausschnitt setzen, Schärfe setzen, Klick. Die Protagonistin war präsent, ich war präsent und kein Display zur ständigen Qualitätskontrolle schob sich immer wieder dazwischen. Diese Reduktion der Ablenkung machte den Unterschied: Die Kamera wurde wieder zum Werkzeug, nicht zum Kontrollinstrument.
Dieses Kippen der Kamera nach unten hat übrigens einen Namen: „Chimping“. Erstmals schriftlich 1999 von Robert Deutsch, einem Fotografen der USA Today, erwähnt. Die Herkunft des Wortes ist weniger rätselhaft als der Name vermuten lässt: Es beschreibt das „Ooh, ooh, ooh!“ der Fotograf:innen, wenn sie ein gelungenes Bild auf dem Display entdecken. Ähnlich wie Schimpansen, wenn sie aufgeregt sind. Ursprünglich abwertend gemeint, gilt der Begriff heute als weitgehend neutral. Doch die Frage bleibt: Was geht verloren, wenn wir uns zu sehr auf die sofortige Bestätigung konzentrieren?
Der Gedanke hinter der ständigen Bildkontrolle ist nicht unvernünftig. Sofortige Kontrolle lässt Fehler erkennen, die man gleich im Anschluss korrigieren kann. Aber jede Sekunde am Display kostet eine Sekunde Aufmerksamkeit und die ist manchmal das Einzige, was den Unterschied zwischen einem brauchbaren und einem guten Bild ausmacht. Die Distanz, die eine ständige Kontrollmöglichkeit erzeugt, war weg, sobald ich mich darauf einließ, sie nicht zu nutzen.
Also suchte ich einen Weg, diesen Reflex auch beim Arbeiten mit einer digitalen Kamera abzustellen. Das Ausschalten der Bildwiedergabe im Menü reichte nicht, denn ein Druck auf die Wiedergabetaste, und die Aufnahmen erscheinen wieder am Display. Bei spiegellosen Kameras wird man den Bildschirm sowieso nicht mehr los. Ob rückwärtiges Display oder elektronischer Sucher, das Ergebnis ist vor dem Auslösen und unmittelbar danach immer sichtbar.
Leica hatte das Problem vor gut zehn Jahren mit der digitalen M ohne Display, der M-D, bereits gelöst. Aber eine Leica ist für einen fotografischen Freiberufler wie mich, der sein Einkommen mit Prints, Workshops und einer kleinen Galerie in Linz bestreitet, keine ernsthaft finanziell tragbare Option.
Die Lösung war dann doch lächerlich einfach und doch revolutionär. Irgendwann klebte ich schwarzes Klebeband auf das Display meiner Nikon D800, und seither entferne ich es von meiner Kamera eigentlich nur noch, wenn ich digital und während eines Workshops mit ihr arbeite. An meinen eigenen Projekten bleibt das schwarze Klebeband während des Fotografierens drauf. Eine Low-Tech-Lösung für ein High-Tech-Problem.
Ohne die Möglichkeit, jedes Ergebnis sofort zu kontrollieren, fotografiere und sehe ich anders. Mein Blick ist wesentlich mehr mit dem beschäftigt, was ich eigentlich aufnehme. Die Kamera ist wieder mehr zu einem Werkzeug geworden, um aufzuzeichnen, was mir durch den Kopf geht, nicht, um es sofort zu bewerten. Diese bewusste Einschränkung hat mir gezeigt, wie weniger Kontrolle mehr Kreativität bedeuten kann.
Es ist fast schon eine Art „Slow Photography“, ein Gegenentwurf zur heutigen Sofortbelohnungs-Kultur. Denn am Ende geht es nicht um die Technologie, sondern um die Bilder.
Links:
- Projekt piano.femina
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