Nachhall – Gedanken zu Ausstellungen in der eigenen Galerie

06.07.2026 | Herbert Koeppel (Text und Bild)


Seit langem denke ich immer wieder darüber nach, über die in unserer Galerie gezeigten Ausstellungen etwas zu schreiben. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich beim Nachdenken darüber feststelle, dass es irgendwie seltsam ist, als quasi Galerie-Mitbetreiber über Ausstellungen bei uns zu schreiben.

Aber warum empfinde ich das überhaupt als eigenartig?
Ich glaube, es liegt daran, dass ich zwei verschiedene Dinge vermische. Die Bewertung und den Blick auf den Nachhall, den eine Ausstellung bei mir hinterlässt.
Bewerten erfordert Distanz. Eine Ausstellung zu besprechen bedeutet normalerweise, von außen zu urteilen, ohne eigenes Interesse am Ergebnis. Diese Distanz habe ich nicht. Wir, bzw. ich als Galeriebetreiber, haben die Ausstellung ja bereits bewertet, nämlich indem wir sie ausgewählt haben. Ein zweites Urteil im Nachhinein wäre nur die Bestätigung der ersten Entscheidung. Kein Wunder also, dass sich das seltsam anfühlt.

Der Blick auf den Nachhall, den eine Ausstellung bei mir hinterlässt, ist etwas anderes. Was mir beim Aufhängen der Bilder durch den Kopf gegangen war; was mir dabei auffällt, was mir vorher noch nicht aufgefallen war; und was mir Wochen später, beim Abhängen, noch durch den Kopf geht.
Was hat sich im Gespräch mit dem Fotografen oder der Fotografin verschoben? Und was haben sich durch die Reaktionen des Publikums für Erkenntnisse ergeben? Denn das ist mir eigentlich noch wichtiger als das, was Ausstellende selbst über ihre Fotografie zu sagen meinen.

Bei welchen Bildern blieben Besucherinnen und Besucher stehen? Worüber haben sie sich gewundert? Was gefiel ihnen, was wurde abgelehnt? Das verändert meinen Blick auf eine Ausstellung oft mehr, als ich vorher gedacht hätte. Im Nachhinein wird mir oft klar, dass deren Reaktionen nicht nur Teil des Nachhalls sind, sondern auch eine Art Korrektiv. Sie zeigen mir, wo mein Blick vielleicht zu sehr von meiner eigenen Entscheidung für die Ausstellung geprägt war. Das ist kein Fehler, sondern eine Chance, den Nachhall zu präzisieren.

Besucherinnen und Besucher sind Außenstehende. Sie sehen die Bilder mit ihrem eigenen Blick, ohne dabei großartig vorbelastet zu sein. Allerdings kommen viele oft mit einer bestimmten
Erwartungshaltung, die zum Beispiel der Ausstellungstitel oder der Begleittext zuvor in ihnen ausgelöst hat.

Doch gerade dann ist deren Reaktion auf das, was sie tatsächlich sehen, besonders interessant.
Ein solcher Nachhall soll keine Kritik an der Qualität sein, obwohl ich das wahrscheinlich nicht immer gänzlich vermeiden möchte, sondern ein Text über die Wirkung, die die ausgestellten Arbeiten über mehrere Wochen bei mir hatten. Dafür ist meine Position, so denke ich, kein Nachteil, im Gegenteil! Sie ist Voraussetzung, denn niemand sonst, außer uns Galeriebetreibern, hat einen über mehrere Wochen andauernden Kontakt mit den ausgestellten Bildern.

Bezeichnenderweise habe ich oben bereits „Nachhall“ geschrieben, nicht „Rezension“ oder „Kritik“. Ein Teil von mir hat die Unterscheidung also längst getroffen. Eigenartig wird es wohl erst wieder werden, wenn ich in Gedanken doch wieder in die Kritikerrolle rutsche und mich an einem Maßstab messen will, dem ich strukturell gar nicht genügen kann und auch nicht genügen muss. Und genau hier lauern, so denke ich meine persönliche die Fallen. Der Rückfall in die Bewertung, die unbewusste Selbstzensur, die Vermischung der Rollen. Wenn ich das im Voraus bedenke, kann ich versuchen, ihnen auszuweichen.

Das passt im Grunde zu dem, womit ich mich in der Serie zur Rezensionskultur ohnehin beschäftige. Für wen wird die Besprechung einer Ausstellung geschrieben? Welche Autorität beansprucht sie? Wem dient sie? Bei einer Ausstellung in der eigenen Galerie ist die Antwort vermutlich eine andere als bei einer unabhängigen Kritik. Wer das hier liest, weiß, dass ich Mitbetreiber bin. Niemand erwartet neutrale Fachkritik.

Die Erwartungshaltung, gegen die ich mich sträube, existiert vermutlich mehr in meinem Kopf als bei denen, die es lesen würden.

Wenn ich mir also vorstelle, so einen Text zu schreiben, was will ich eigentlich sagen? „Das war gut“? Oder will ich sagen „Das ist bei mir hängen geblieben“?

Die Richtung ist jetzt beim Nachdenken erst klar geworden. Ob ich mich beim Schreiben daran halte, ist eine andere Frage. Der Reflex, doch noch eine Qualitätsaussage zu treffen, verschwindet ja nicht dadurch, dass ich ihn einmal durchdacht habe. Er meldet sich vermutlich wieder, mitten im Text, wenn die Versuchung kommt, zu schreiben: „eine der stärksten Ausstellungen des Jahres bei uns“ statt „das lässt mich nicht los“.

Darum geht es mir aber nicht. Es geht mir um meinen persönlichen Nachhall auf eine Ausstellung. Das ist der Maßstab, der meinen Blick, meinen Nachhall auf eine in unserer Galerie gezeigte Ausstellung leiten soll.

Klar ist mir also die Richtung, um das, was bei mir in den Wochen, in denen die Ausstellung bei uns in der Galerie gezeigt wurde, und in den Stunden, die ich in diesen Wochen zwischen den Bildern gesessen, gelesen, geschrieben, gearbeitet und mich mit Besucherinnen und Besuchern unterhalten habe, als Nachhall bei mir geblieben ist.

Ob ich dieser selbstgestellten Aufgabe gerecht werde, davon lasse ich mich jetzt mal selbst überraschen.

Wenn dann mal in nächster Zeit hier so ein Nachhall erscheint, lasst es mich wissen, wie ihr, falls ihr die dazugehörige Ausstellung gesehen habt, meinen Nachhall empfindet. Aber auch die Perspektive auf meinen Nachhall derjenigen, die die Ausstellung nicht selbst besucht haben, wäre für mich mehr als spannend.









Herbert Koeppel
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