02.07.2026 | Herbert Koeppel (Text, Schwarzweissbilder, Grafik), Helga Schaufler (Farbbild)
Gerade im Amateurbereich beschäftigen sich immer mehr Fotografinnen und Fotografen mit dem Thema der eigenen fotografischen Entwicklung. Nicht selten endet das mit der Neuanschaffung von Equipment, das man schon immer zu brauchen geglaubt hat. Der Grund liegt in einer Verwechslung. "Weiterentwicklung" wird sehr oft mit "besser" gleichgesetzt. Bessere Kamera, bessere Software, bessere Bildkomposition. Mehr Schärfe, mehr Kontrast. Dieses "besser" bleibt an der technischen Seite der Fotografie hängen, mit dem Rest der eigenen Fotografie steht man aber genau dort, wo man vorher auch gestanden hat. Nicht selten bringt der Versuch, über Technik eine Weiterentwicklung anzustoßen, nur ein weiteres Element der Frustration in die Situation, denn die neue Kamera fotografiert am Ende dieselben Motive wie die alte.
Bei mir war es zunächst, Mitte der 1990er-Jahre, das Interesse an der technischen Seite der digitalen Fotografie. Als EDV-Nerd ging es mir zunächst darum, wie die Sache mit der digitalen Fotografie eigentlich funktioniert. Von der Fotografie an sich hatte ich dabei anfangs keine Ahnung. Der technische Aspekt blieb lange das beherrschende Element in meiner fotografischen Welt. Wusste ich früher immer, welcher Hersteller welche neue Kamera gerade auf den Markt gebracht hatte, so habe ich heute keine Ahnung mehr, was es gerade Neues gibt. Neue Gerätschaften sehe ich seit Jahren zuerst bei den Teilnehmer:innen meiner Workshops.
Sich keine Gedanken mehr über technische Neuigkeiten zu machen, hat ohne Zweifel mehr Raum geschaffen, um sich intensiver mit kreativen Dingen zu beschäftigen.
Doch auch bei mir gab es eine Zeit, in der ich nicht mehr weiterkam mit der eigenen Fotografie. Mein damaliges Genre, die Landschaftsfotografie, fing an, sich anzufühlen wie der Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Immer derselbe Tag, immer wieder von vorn. Es ist ein Jammer, dass es keine Hilfe für Fotograf:innen in psychologischer Hinsicht gibt.
Also macht man sich auf die Suche nach, nennen wir es, fotografischer Hilfe. Manche finden einen Ansatzpunkt. Manche nicht, und machen dann doch weiter wie davor. Und einige hängen die Kamera tatsächlich an den Nagel.
Mein Ansatzpunkt war vor 14 Jahren ein damals neues Buch des amerikanischen Fotografen Bruce Barnbaum, "Die Kunst der Fotografie – Der Weg zum eigenen fotografischen Ausdruck". Beim ersten Durchblättern im Buchgeschäft fielen mir die vielen schönen schwarzweißen Fotografien auf. Damals keimte schon die Entscheidung, die ich zwei Jahre später fällen sollte: nur noch in Schwarzweiß zu fotografieren.
In Barnbaums Buch überwiegt der Text bei weitem, und ich musste bereits im ersten Kapitel, "Fotografie als Kommunikation", immer wieder innehalten und nachdenken. Barnbaum schreibt, um mit der eigenen Fotografie eine wirklich bedeutende Aussage zu machen, müsse der Fotograf über das normale Maß der persönlichen Beteiligung hinaus in die betreffende Welt eintauchen. Er müsse in sie hineinwachsen, um ein tiefes Verständnis von ihr zu erlangen, von ihrer Struktur im Großen wie in den Nuancen im Detail. Das brachte mich direkt zu dem, worauf er ein paar Zeilen später hinweist: Bei der Wahl der fotografischen Themen ist es unabdingbar, sich zu fragen, wo die eigenen Interessen überhaupt liegen.
Diese Frage zielt nicht auf den Fotografen, sie zielt auf den Menschen. Darin liegt auch das Problem. Diese Frage kann man nur selbst beantworten, und genau das ist ihre Schwierigkeit. Wirklich gute Aufnahmen entstehen nur, wenn man sich für das, was man fotografiert, auch wirklich interessiert. Es muss einem am Herzen liegen.
Das erklärt, warum mein Interesse an der klassischen Landschaftsfotografie immer mehr zurückging. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, alles im schönsten Licht des Tages. Diese Motive hatten keinen Bezug zu mir als Mensch. Ich hatte mich seit Beginn meiner Fotografie verändert, sehr verändert. Doch diese Erkenntnis allein verändert nicht von heute auf morgen die eigene Fotografie. Das braucht Zeit. Man interessiert sich als neugieriger Mensch für viele Dinge. Entscheidend ist, ob ein Interesse auch wirklich persönlich wichtig ist, ob man dafür Begeisterung aufbringt.
Und zwar Begeisterung, die von innen kommt, nicht weil sich viele andere Menschen für dasselbe Thema interessieren und man das mit echter Begeisterung verwechselt. Bei mir zeigt sich diese Begeisterung im Moment, in dem ich bei einem Motiv stehen bleiben muss, um noch einmal einen zweiten Blick darauf zu werfen. Bei einem größeren Thema zeigt sie sich, wenn ich anfange, ernsthaft dazu zu recherchieren, und immer wieder daran weiterarbeiten möchte.
Das ist ein völlig anderer Ansatz, als an einen Ort zu fahren, die schönsten Stellen zu suchen und sie im besten Licht abzufotografieren. Fotografieren wird heute oft mit sportlicher Betätigung verwechselt: so viele Bilder von so vielen Orten wie möglich, am besten ohne großen zeitlichen Aufwand.
Mir wurde damals langsam klar: Die fotografische Entwicklung hat nur mit einem zu tun, mit meiner eigenen persönlichen Entwicklung. Die hatte sich seit 2009 schleichend verändert, unter anderem durch die Beschäftigung mit Zen. Sie half mir, die einfachen, alltäglichen Dinge fotografisch zu sehen und mit der Kamera festzuhalten.
Nach Barnbaums Buch wurden meine fotografischen Themen langsam, aber sicher persönlicher, sie hatten mehr mit mir als Mensch zu tun. Es sind die Themen, die ich heute unter meinen Projekten zusammenfasse. Deshalb ist es entscheidend, sich zu fragen, zu welchen Themen es einen wirklich hinzieht, was einen persönlich bewegt, ohne zu viel darauf zu achten, wie diese Themen bei anderen ankommen, vor allem bei anderen Fotograf:innen.
Sehr oft sind es Interessensgebiete, in denen man eigentlich ohne Kamera unterwegs ist. Die einzige Hürde dabei ist die eigene mangelnde Vorstellungskraft. Darüber nachzudenken, wo die eigenen Interessen abseits der Fotografie liegen, braucht etwas, das sich viele heute nicht mehr gönnen: Zeit. Die eigene fotografische Entwicklung wird in unserer digitalisierten, hochtechnologischen Welt also meist von ihrer technischen Seite betrachtet. Das, so denke ich, ist falsch.
Die wichtigste Frage, die man sich als Fotograf:in stellen kann, ist die nach den eigenen Interessen, wo sie liegen und warum sie sich auch mit den Jahren verändern. Es ist völlig in Ordnung, nicht mehr nur Landschaftsfotografie zu betreiben, wenn Tierfotografie keine Begeisterung auslöst oder man schöne, bunte Bilder nur noch als langweilige Abbilder begreift.
Was interessiert einem, was berührt einem wirklich, das sind die Fragen mit Bedeutung.
Andreas Jorns, der vor kurzem bei uns in der Tummelplatz Galerie mit seinem Vortrag "Unseen" zu Gast war, bringt es in seinem Newsletter so:
„Was ich spannend finde und das ist ja die Schlüsselaussage in meinem Vortrag: fotografische Entwicklung hat ganz viel mit Zeit zu tun und mit der persönlichen (!) Reifung. Es geht nicht darum, BESSER zu fotografieren, sondern das RICHTIGE zu fotografieren, nämlich das, was zu einem persönlich passt! Das, was einem selbst entspricht und was nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun hat, was andere denken, meinen und fühlen. […] Denn es gibt viele, die selbst auf der Sinnsuche sind und vielleicht sogar schon die Lust an der Fotografie verloren haben. Die auf der Suche nach Inspiration sind und an ihrer Kreativität zweifeln."
Dem Grundgedanken stimme ich zu. Einiges sehe ich aber anders.
„Das Richtige" für sich zu finden, kann selbst zur kreativen Falle werden. Denn woher soll man wissen, was zu einem passt? Man geht nicht aus einem Vortrag oder Workshop und "weiß es". Dass man dafür viel Zeit braucht, stimmt. Doch gerade diese Zeit nehmen sich die wenigsten, die auf der Suche nach Inspiration sind. Vorbilder sind gefährlich, gerade wenn sie inspirieren. Der Reflex "Das möchte ich auch fotografieren" fühlt sich an wie eine eigene Entscheidung. Meistens ist er nur eine Übernahme: das fremde Genre, nicht die eigene Frage.
Inspiration findet nicht nur im Außen statt. Sie verlangt einen Blick nach innen, auf die eigenen Interessen und das, was einen begeistert. Auch was andere denken und fühlen mit Blick auf die eigene Fotografie, ist nicht pauschal unwichtig, wie man annehmen könnte. Feedback aus den sozialen Medien ist, da bin ich mir sicher meist irrelevant. Persönliches Feedback von Fotograf:innen, die dort schon standen, wo man gerade steht und an sich zweifelt, kann sehr erhellend sein. So findet man andere Zugänge zur eigenen Fotografie und erkennt dann erst oft die eigenen blinden Flecken.
Zeit ist notwendig, aber Zeit allein reicht nicht. Man muss sich in dieser Zeit auch aktiv mit den Dingen beschäftigen. Im Vortrag sitzen und nicken, den Newsletter lesen und innerlich zustimmen, das bringt nichts. Man muss sich damit auseinandersetzen, und das ist, in einer Zeit, in der jeder nach raschem Erfolg drängt, oft eine quälende Erkenntnis und Entscheidung.
"Reifung" halte ich für das schwierigere Wort. Persönliche Entwicklung kennt, meiner Erfahrung nach, keinen Endpunkt. "Reif" assoziiere ich mit einem Zustand, an dem etwas fertig ist. Das kann man leicht falsch verstehen, zumal "reif sein" bei Menschen oft mit dem Lebensalter verknüpft wird und einen moralischen Unterton trägt, ähnlich wie "erwachsen werden". Reifung sollte eher als langsame Annäherung an sich selbst verstanden werden, mit dem Freiraum zu erkennen, dass man sich ständig verändert. Als Endzustand darf sie nie gelten.
Die eigene fotografische Entwicklung gibt es für mich nicht als eigenständiges Thema. Sie ist untrennbar mit der eigenen persönlichen Entwicklung verknüpf, und mittels der Fotografie zeichnet man dann eben auf, wie weit man mit ihr schon gekommen ist.
Wer sich fotografisch weiterentwickeln will, muss das Wort "fotografisch" streichen und durch "persönlich" ersetzen. Man muss sich mit sich selbst auseinandersetzen, mit den eigenen Interessen, mit der Erkenntnis, dass sich die eigene Wahrnehmung mit der Zeit verändert und mit ihr, was man zu sagen hat.
Das ist unbequem, denn die persönliche Entwicklung lässt sich nicht an einem Wochenende buchen. Aber sie ist der einzige Weg heraus aus dem fotografischen Murmeltiertag, in dem man sich sonst immer wieder wiederfindet.
So, dann machen wir mal Nägel mit Köpfen. Unterhalten wir uns über die eigene fotografische Entwicklung, pardon, über die eigene persönliche Entwicklung, die wir in unseren Bildern sehen. Treffen wir uns am 7.8.2026 ab 17 Uhr in der Tummelplatz Galerie. Zwanglos, bei Kaffee oder Mineralwasser und unterhalten wir uns zu diesem Thema.
Ach ja, rein des Platzes wegen: Lasst mich doch bitte vorher Bescheid wissen, wenn wir uns sehen. Kosten tut euch das Ganze erstmal nichts, das könnt ihr hinterher entscheiden, falls jemand etwas dalassen möchte.
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