Zehn Cent

22.03.2026 | Herbert Koeppel (Text)


Vom ZX81 zur Unterhaltung mit einer BibliothekEthan Mollick -

Im März 2026 rettete die österreichische Bundesregierung die Zapfsäule.
Bundeskanzler Stocker sprach von Maßnahmen, die „gezielt, temporär und mit Augenmaß" seien. Vizekanzler Babler sicherte die Versorgung. Außenministerin Meinl-Reisinger betonte, dass es eine „marktnahe" Lösung sei. Am Ende stand eine Zahl. Zehn Cent pro Liter.

Darüber musste ich nachdenken. Nicht über die zehn Cent. Sondern darüber, wie eine Gesellschaft so tun kann, als wäre das eine Antwort. Aber eine Antwort worauf?


Die Frage, die niemand stellt

Seit Mitte 2022 nutze ich das KlimaTicket. Knapp 53.000 Kilometer mit Bahn, Bus, Straßenbahn und U-Bahn. Das eigene Auto ist weg. Im Haushalt gibt es noch ein anderes – 16 Jahre alt. Die Entscheidung war keine ideologische. Sie war eine Kalkulation.

In diesen drei Jahren ist mir etwas abhandengekommen: die Frage, was der Sprit gerade kostet. Andere Menschen stellen sie offenbar täglich. Ich stelle stattdessen andere Fragen. Was lese ich auf dieser Fahrt? Worüber denke ich nach?

Die Spritpreisdebatte ist eine Debatte über Abhängigkeit. Aber nicht darüber, wie man sie überwindet. Sondern wie man sie erträglicher macht.


Das Theater der zehn Cent

Ich will fair sein. Wer an der Tankstelle steht und sich fragt, wie er die nächste Woche finanziert, hat ein echtes Problem. Wer im ländlichen Raum lebt, keine Zugverbindung hat und pendeln muss, für den zählt jeder Cent.

Und die Belastung endet nicht an der Zapfsäule. In der Landwirtschaft, im Transportgewerbe sprechen die Zahlen für sich: Mehrkosten, die die übliche Gewinnspanne um ein Vielfaches übersteigen. Das ist keine Unannehmlichkeit. Das ist existenziell.

Die Antwort darauf: die Mineralölsteuer um fünf Cent senken. Margen einfrieren. Zusammen zehn Cent. Bis 31. Dezember.

Die FPÖ nannte es einen Tropfen auf den heißen Stein. Die Grünen sprachen von einzementierter Abhängigkeit. Die WKO von Tabubruch. Der ÖAMTC hätte sich mehr gewünscht. Agenda Austria nannte es schlampigen Populismus. Der WWF wollte lieber Radwege und ein billigeres KlimaTicket.

In den Kommentaren auf orf.at stritten die Menschen darüber, wer schuld ist.


Die Zahl, die fehlt

Das KlimaTicket kostet mich seit Januar 2026 täglich 84 Cent mehr als beim ursprünglichen Einführungspreis. 84 Cent mehr pro Tag. Wer 8,4 Liter tankt – das ist weniger als ein Zehntel eines normalen Tankfüllvorgangs – bekommt durch die Regierungsmaßnahme genau diese 84 Cent zurück.

Ich sage das ohne Parteiabsicht. Ich sage es, weil diese beiden Zahlen nebeneinandergestellt etwas sichtbar machen.

Die Mobilitätsdebatte findet in zwei Universen statt, die sich nicht berühren. Im ersten geht es darum, das Autofahren günstiger zu machen. Im zweiten darum, Alternativen zum Auto aufzubauen. Der gesellschaftliche Gravitationspunkt liegt eindeutig im ersten.

Dabei hätte das zweite strukturell geholfen. Die Internationale Energieagentur hat aufgelistet, was den Ölverbrauch tatsächlich senkt: Homeoffice, niedrigere Tempolimits, öffentlicher Verkehr, Carsharing. Maßnahmen, die nicht am Preis ansetzen, sondern am Bedarf.

In der österreichischen Debatte fanden diese Empfehlungen kaum Widerhall. Sie greifen am falschen Ort an – nicht an der Zapfsäule, sondern an der Gewohnheit.


Das Auto als Kulturgut

In Österreich werden Autos wie kleine Götter verehrt. Das ist keine Kritik. Es ist eine Beobachtung. Das Automobil ist längst kein rationales Transportmittel mehr. Es ist Identität. Es ist, was viele unter Freiheit verstehen. „Ich brauche mein Auto" ist meist nicht faktisch gemeint, sondern existenziell.

Wenn der Spritpreis steigt, greift das tiefer als ins Budget. Es berührt die Frage, ob das eigene Leben noch leistbar ist. Die Wohnung am Stadtrand. Die Pendlerstrecke. Das Wochenende. Deshalb klingt „fahr öfter mit dem Zug" nicht wie ein pragmatischer Vorschlag.

Es klingt wie: „Gib auf, wer du bist."


Was die Politik tut und was nicht

Politik löst das Problem, das gerade brennt. Die Regierungsmaßnahmen sind in dieser Logik nicht unvernünftig. Aber sie lösen das falsche Problem.

Das eigentliche Problem ist nicht der Preis. Es ist, dass Millionen Menschen in einer Infrastruktur leben, die ihnen keine Wahl lässt. Günter Emberger vom Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien nennt es direkt: „Wir haben unsere Raumplanung abhängig gemacht von Automobilität." Eine Fehlentwicklung der Gesellschaft. Diese Infrastruktur entstand über Jahrzehnte. Zehn Cent, befristet bis Jahresende, verändern sie nicht.

Es gäbe Alternativen. Mikro-ÖV – Sammeltaxis, bedarfsorientierte Shuttles – könnte auf dem Land die letzte Meile überbrücken. Für Pendler, Senioren, Kinder, Menschen ohne Zweitauto. Doch während die Bundesregierung zehn Cent beschließt, stellt die Steiermark Ende März ihr Sammeltaxi regiomobil ein. Aus finanziellen Gründen.

Diese beiden Nachrichten gleichzeitig zu lesen sagt mehr über Mobilitätspolitik als jede Pressekonferenz.


Kommentare als Spiegel

In den ORF.at-Kommentaren wurde erklärt, wer schuld ist. Die Grünen. Die Russlandfreunde. Die FPÖ. Die SPÖ. Niemand fragte: Bin ich Teil des Problems? Das ist verständlich. In einem System, das täglich Autoabhängigkeit erzwingt, ist diese Frage schwer zu stellen.

Die richtige Frage wäre: Wie komme ich heraus? Nicht als Selbstgeißelung. Als nüchterne Prüfung.

Manchmal ist die Antwort: Gar nicht. Noch nicht. Nicht ohne strukturelle Veränderungen, die ich alleine nicht herbeiführe. Das ist legitim. Aber manchmal ist die Antwort: Eigentlich schon – wenn ich es durchrechne. Wenn ich bereit bin, Gewohnheiten zu hinterfragen.

Diese zweite Antwort ist unbequemer als ein Kommentar, in dem andere die Schuld tragen. Aber sie öffnet einen Handlungsraum, den die Spritpreisbremse nicht öffnet.


Was bleibt

Mein KlimaTicket kostet 3,84 Euro täglich. Dafür fahre ich, wohin ich will. Ohne Zapfsäule. Ohne Preisalarm. Das ist vor allem das Ergebnis einer Entscheidung vor drei Jahren. Nicht aus Idealismus. Aus Kalkül und Notwendigkeit.

Die Geschichte wiederholte sich an der Zapfsäule schneller, als alle dachten. Die eigentliche Spritpreisbremse ist keine staatliche Verordnung. Sie ist die, die man selbst zieht. Das geht nicht für alle. Aber für mehr Menschen, als diese Debatte glauben lässt. Solange wir das nicht ehrlich hinterfragen, treffen wir uns in ein paar Jahren wieder. Und diskutieren, um wie viele Cent der Liter billiger werden soll.

Ein letzter Gedanke
Die Strompreisbremse, ausgelöst durch den Krieg in der Ukraine, wurde nach intensiver politischer Debatte im Spätsommer 2022 beschlossen. Vom Kriegsbeginn bis zum Inkrafttreten dauerte es zehn Monate. Die Spritpreisbremse 2026: Kriegsbeginn 28. Februar. Einigung der Regierung Ende März. Inkrafttreten 1. April. Vom ersten Kriegstag bis zur Erleichterung an der Zapfsäule: 33 Tage.

Zehn Monate für den Strom. Fünf Wochen für den Sprit.

Man muss das nicht kommentieren. Die Zahlen erklären sehr präzise, in welchem der beiden Mobilitäts-Universen die Schwerkraft tatsächlich am stärksten wirkt und welche Krise in diesem Land als unerträglich gilt. Nicht die Stromrechnung. Die Zapfsäule.




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