The Good Photographer
Ich bin nicht mehr der, den meine alte Internet-Domain verspricht und das ist gut so!

02.03.2026 | Herbert Koeppel (Text)


ImageThe Good Photographer

naturfotoworkshop.at - Diese Domain gibt es nun, schwarz auf weiß, seit zwanzig Jahren. Eine Domain, die ich damals gemeinsam mit einem gut befreundeten Naturfotografen für unseren ersten gemeinsamen Workshop im Wienerwald ins Leben gerufen hatte. Damals, als noch alles sehr klar und überschaubar war. Naturfotografie. Workshop. Fertig.

Seither ist viel in meinem Leben passiert – das ja untrennbar mit Fotografie verbunden ist. Vor gut zwölf Jahren hat Schwarzweiß mein fotografisches Denken übernommen. Nicht als Trend, nicht weil es ‘schöner’ aussieht. Sondern weil es mich zwingt, anders zu sehen und weil Schwarzweiß mir mehr Möglichkeiten verschafft und im Hinblick auf das Endergebnis ‘formbarer’ ist. Die meist bestehende Ablenkung durch Farbe fällt einfach weg. Kein leuchtendes Rot, das über eine schwache Komposition hinwegtäuscht. Kein sattes Grün, das eine inhaltlose Aussage versucht zu verdecken. Was übrig bleibt, wenn man die Farbe wegnimmt, ist das Wesentliche oder eben manchmal auch so gut wie nichts.

Und mit dieser Erkenntnis eröffneten sich Motivwelten, die ich vorher nicht einmal als Möglichkeiten wahrgenommen hatte.

Wenn man jahrelang in Farbe fotografiert, entwickelt man unweigerlich eine Art fotografischen Automatismus. Man sucht Farbe. Man wartet auf das goldene Licht am Morgen oder beim Sonnenuntergang, auf das satte Blau der immer wieder beschworenen ‘blauen Stunde’, auf das Herbstrot im Wald. Das ist nicht falsch und wer darin seine fotografische Erfüllung findet, soll auch weiterhin die Augen dafür offen halten.

Aber irgendwann war Farbe für mich einfach zu viel Farbe. Das ‘schöne warme Licht’, das Bunte, es hatte mich erschöpft. Was mich aber zu interessieren begann, war das Licht, das Form schafft, das Textur zeigt, das Tiefe modelliert. Freileitungen. Der enge Blick auf Architektur. Orte, die in Farbe banal wirken und in Schwarzweiß zu atmen beginnen.

Ich habe nicht aufgehört, Natur zu fotografieren. Aber ich bin nicht mehr nur der Naturfotograf. Ich bin genau genommen gar kein Fotograf – sondern jemand, der mit Hilfe fotografischer Mittel Bilder macht.

naturfotoworkshop.at existiert noch. Die Weiterleitung auf herbertkoeppel.com funktioniert tadellos. Wahrscheinlich bemerkt das beim Ansurfen meiner Webseite sowieso kaum jemand. Denn viele tippen meinen Namen ohnehin einfach in die Google-Suche, anstatt die Adresse direkt einzugeben. Ein Sache, an der man immer erkennen kann, wer den Unterschied zwischen dem "Internet" und dem "www" verstanden hat.

Aber ein Domain-Name ist mehr als eine technische Adresse. Er ist ein Hinweis auf den Inhalt, ein stilles Versprechen. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: naturfotoworkshop.at verspricht etwas, das ich heute nur noch zu einem kleinen Teil einlöse.

Das ist keine Kritik an meiner Vergangenheit. Es ist eine ehrliche Bestandsaufnahme der Gegenwart. Und genau darum geht es mir in dieser nun startenden Blog-Serie: die manchmal ungewohnte, unbequeme, aber letztlich befreiende Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Fotografie, gegenüber den Menschen, die zu mir in Workshops kommen, und gegenüber den Dingen, die mir im Rahmen der Fotografie über den Weg laufen.


Warum „The Good Photographer“?

Es gibt da eine Fernsehserie, die mich seit einiger Zeit begleitet. Tauscht hier den „Photographer“ mit „Doctor“ aus. Wenn es wirklich interessiert, nehmt euch etwas Zeit und schaut euch ein oder zwei Folgen davon an.

Kurz gesagt geht es neben anderen Dingen darum, das zu sagen, was man denkt. Manchmal auch ohne die heute übertriebenen sozialen Filter, ohne Beschönigung, ohne die kleinen Lügen, die wir täglich gebrauchen. Um uns die eigene Arbeit nicht immer besser und wichtiger zu machen als sie ist und auch die Fotografie anderer nicht nur ‘weichgezeichnet’ zu betrachten. Das hindert uns und andere in kreativen Dingen an der Weiterentwicklung.

Was auf den ersten Blick irritierend wirkt, entpuppt sich als wertvoll: die Fähigkeit, vielleicht auch den Mut, die Dinge so zu benennen, wie sie sind.

Das ist auch mein Anspruch als Bildermacher bei meiner eigenen Fotografie gegenüber und als Workshopleiter. Wenn ein Bild nicht funktioniert, sage ich das. Wenn eine Idee gut ist, sage ich das auch und verfalle nicht in neidhaftes abtun einer guten Idee - nur weil sie nicht von mir ist. Und wenn Workshopteilnehmer:innen beginnen sollten, ihre eigenen Wege zu gehen und die Stützräder der manchmal allzu bequemen Workshop-Routine loszuwerden, dann sage ich das ebenfalls. Dabei habe ich immer im Blick wo jemand steht - am Anfang der Beschäftigung mit der Fotografie oder schon sehr lange, denn das ist mit Blick auf die Fotografie eines Menschen nicht unwesentlich.

Fotograf:innen werden gerne als ‘die Bedeutendsten ihrer Generation’, als ‘Weltklasse’, als ‘einzigartig’ bezeichnet. Das wird über so viele gesagt, dass es irgendwann über niemanden mehr etwas aussagt. Ich bin kein Star, kein Weltklasse-Fotograf. Ich bin einfach ein guter Fotograf bei den Dingen, mit denen ich mich beschäftige. Jemand, der die Dinge die er tut, so sieht wie sie eben sind. ’The Good Photographer’ passt für mich deshalb ganz gut.


Wie geht es weiter?

Ich werde über meine eigenen Bilder schreiben, über Workshops und was mir und meinen Teilnehmer:innen dabei wirklich durch den Kopf geht. Darüber, was herauskommt, wenn Menschen anfangen, ehrlicher einen Blick auf die eigene Fotografie und die der anderen zu werfen. Gerade die Tummelplatz Galerie, mit Blick auf einen selbst, auf die ausstellenden Fotograf:innen und Besucher:innen liefert hier viel Stoff zum Nachdenken und Schreiben.

Kritisches, Unerwartetes und Unbequemes zur eigenen Fotografie, zur Fotografie anderer sowie zu den Dingen aus der Welt der Fotografie werden hier ihren Weg auf das virtuelle weiße Blatt finden.

Doch zurück zur alten Domain naturfotoworkshop.at. Sie stimmt also nicht mehr! Sie ist aber trotzdem für mich wichtig. Denn für mich ist sie der Beweis der eigenen fotografischen Weiterentwicklung hin zu der Art, wie ich die Welt jetzt mit der Kamera festhalte, ausarbeite und auf Papier bringe. Das Schönbild aus der Naturfotografie ist ab und zu noch wichtig für mich, aber es definiert nicht mehr mich und meine Fotografie.

Manchmal tippe ich naturfotoworkshop.at selbst in den Browser. Nur um zu sehen, wo ich herkomme.






Wenn du meine Arbeit schätzt und mich dabei unterstützen möchtest – abseits des Kaufs eines Prints oder der Teilnahme an einem Workshop – freue ich mich über eine kleine Spende via PayPal. Deine Unterstützung ermöglicht die freie Preiswahl bei Prints meiner Fotografien und andere Projekte wie z.B. den Gratis Print des Monats.

Danke.