20.04.2026 | Herbert Koeppel (Text, Bild) / Weitere Bilder: Andrea Renhardt, Gertrude Haslgrübler
Besucht man eine Fotoausstellung, kennt man meist den Titel, eventuell auch ein einzelnes Bild daraus sowie die Beschreibung zur Ausstellung und schon arbeitet der Kopf. Das entscheidet zumindest bei mir oft im Voraus, ob mich das Thema interessieren könnte, und natürlich erzeugt es, in Anbetracht der eigenen Haltung zu einem Thema, auch eine gewisse Erwartungshaltung, was denn zu sehen bzw. nicht zu sehen sein wird.
Vor einigen Tagen besuchte ich die aktuelle Ausstellung „Das Abstrakte in der Fotografie" des Linzer Art Photo Clubs im Linzer Wissensturm. Eigentlich war ich zweimal dort. Einmal zur Vernissage und ein weiteres Mal zwei Tage später, ohne den Trubel der Vernissage. Obwohl ich selbst alle sechs Wochen quasi immer Teil einer Vernissage im Rahmen der Tummelplatz Galerie bin, kam ich dabei nicht umhin festzustellen, dass eine Vernissage zumindest für mich ein denkbar schlechter Rahmen ist, um sich mit ausgestellten Arbeiten intensiv und in Ruhe damit auseinanderzusetzen. Es liegt in der Natur der Sache, dass einem zahlreiche andere Gäste klarerweise oft den Blick auf die ausgestellten Bilder verstellen. Auch die eine oder andere Frage von Aussteller:innen, wie einem die Bilder gefallen, wirkt wahrscheinlich ungewollt, aber doch wie die Bitte um einen Klick auf das Herzchen bei Instagram.
Das Thema der Ausstellung ist das Abstrakte in der Fotografie. Daher wunderte ich mich auch über die oft gehörten Erklärungen der Fotograf:innen zu ihren Bildern: Wie, was und wo fotografiert wurde und was im Post-Processing, also am Computer damit gemacht worden sei. Etwas, das ich bei diesem Ausstellungsthema eigentlich weder hören noch lesen möchte.
Wie bereits geschrieben: Meine Grenze liegt woanders. Eine Fotografie ist für mich abstrakt, wenn ich keine Zuordnung zu irgendetwas machen kann. Nicht nur ungewohnt nah. Nicht nur unscharf bis zur Ahnung. Sondern wenn schlicht keine Zuordnung möglich ist und das, egal wie lange ich ein Bild anschaue. Das ist unbequem streng. Es bedeutet, dass vieles, was als abstrakt gilt, es schlicht nicht ist.
Der Gang durch die Ausstellung hat mich in meiner Haltung bei der Mehrzahl der Bilder bestätigt. Bilder von Baumrinden, Schaum und Vorhängen, Wasser an Wehranlagen, Unscharfes, Sand und Steine, Fotografen und ihr Schatten, Sand, Metall, Verwischtes, auf dem Häuser und Bäume zu sehen waren, Nahfotografie, die mit abstrakter Fotografie verwechselt wird, pflanzliche Dinge im Wasser und für mich höchst erstaunlich: zwei weibliche Akte in der Kategorie Abstrakt. Buntes gemeinsam mit Feuchtigkeit und Dunst sowie verwischte Lichter, so hoffe ich zumindest durch bewusstes Bewegen der Kamera.
Das Abstrakte in der Fotografie ist dabei für viele Aussteller:innen ein weiter, sehr unscharfer Begriff. Kennt man den Text zur Ausstellung und die dort als Beispiele aufgezählten Fotografen wobei übrigens keine einzige weibliche Fotografin genannt wird, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass viele der gezeigten Positionen in Bezug auf meinen strengen Begriff vom Abstrakten in der Fotografie am Thema vorbeigehen.
© Andrea Renhardt
Doch ich bin auch überrascht worden, denn zwei der ausstellenden Fotografinnen haben mich in Bezug auf meinen Zugang zur Abstraktion in der Fotografie überzeugt.
Zunächst sind da die Bilder von Andrea Renhardt, die mich insgesamt sehr fasziniert haben. Während der Vernissage war es mir nicht möglich, genug Ruhe zu finden, um diese Bilder auf mich wirken zu lassen. Aber bei meinem nochmaligen Besuch war das dann möglich. Exemplarisch für diese Serie von Andrea Renhardt zeige ich hier mit Erlaubnis der Fotografin eine Arbeit aus dieser Serie. Es war für mich spannend, dieses Bild zu betrachten und diese abstrakte Fotografie auf mich wirken zu lassen.
Andrea Renhardt würde ich jetzt nur noch den Tipp geben, keinerlei Erklärungen über das „Wie" ihrer Bilder im Rahmen des Kontext der Ausstellzung zu geben. Es zerstört meiner Meinung nach die Wirkung und nimmt ihnen das Rätselhafte. Betrachter:innen sollten damit klarkommen, beim Ansehen solcher Arbeiten etwas Eigenes in ihren Köpfen entstehen zu lassen und den Prozess, wie es zum Endergebnis gekommen war, dabei einfach außer Acht zu lassen. Nicht wenige der Besucher:innen der Vernissage, mich eingeschlossen haben ja oft intensiver mit der Fotografie zu tun, nicht wenige davon hängen aber zu sehr an der fotografischen Technik und das eigentliche Interesse geht dabei dann oft sehr schnell am Bild vorbei.
Zum Beispiel konnte ich nicht nachvollziehen, das ein anderer Aussteller die eigenen Arbeiten mittels daneben angeführtem Text unbedingt als „digitales SW" kategorisieren muss? Als ob die angeführte Technik die Bilder interessanter machen würde?
Fotografie zu betrachten und sich selbst ein Urteil darüber zu machen ist immer, so gerne auch in Fotoclubs versucht wird, Fotografien mittels Regeln zu bewerten ausgesprochen subjektiv. So auch mein Empfinden über mein persönliches Highlight dieser Ausstellung: die hier gezeigte Fotografie von Gertrude Haslgrübler.
Ein Bild, das mich während der Vernissage schon faszinierte und auch nach zwei Tagen nichts von seiner Wirkung auf mich verloren hatte. Die Formen und die dabei eingesetzte Farbe waren für mich ein großer optischer Genuss beim Betrachten. Da kann ich Fr. Haslgrübler nur zu diesem Bild gratulieren.
Einzig die Ausführung der Präsentation mindert den optischen Genuss beim Betrachten.
Andrea Renhardt hatte sich im Gegensatz zu Gertrude Haslgrübler entschlossen, ihre Arbeiten, wenn schon nicht mit Museumsglas, so doch ohne billiges Glas zu präsentieren. Das hat der Tiefe und Plastizität ihrer Arbeiten nur gutgetan.
Haslgrüblers Präsentation dagegen sorgt beim Betrachten für Irritation durch ungewollte Spiegelungen der Umgebung. Das mindert die Qualität beim Anschauen und man wünscht sich im ersten Moment, es aus dem Rahmen zu nehmen um es ohne störende Spiegelungen betrachten zu können.
In der hier gezeigten Fotografie der ausgestellten Arbeit konnte die Spiegelung mittels der in Lightroom Classic zur Verfügung stehen Funktion "Störende Elemente entfernen / Spiegelungen" besser betrachtbar gemacht werden.
© Gertrude Haslgrübler
Im Großen und Ganzen hat die Ausstellung meine Erwartungen erfüllt. Im Punkt „Abstraktion in der Fotografie" gilt für mich bei den meisten Arbeiten der Gedanke: „Knapp vorbei ist auch daneben." Vom Frauenakt bis hin zu erkennbaren Vorhängen wird viel gezeigt. Auch wenn versucht wird, Abstraktion als Spektrum zu behandeln, liegen die Mehrzahl der Arbeiten beim Versuch, im Bereich der Abstraktion zu liegen, meiner Betrachtungsweise nach nicht richtig.
Das ausgestellte Bild von Gertrude Haslgrübler und die Serie von Andrea Renhardt bilden für mich die überraschenden Ausnahmen. Das sind Arbeiten, würde man Abstraktes aus der Fotografie sammeln, die durchaus eine genauere Überlegung wert wären.
Was mich noch kurz am Schluss zu den in der Ausstellung angegebenen Verkaufspreisen führt. Für Fotos auf Leinwand und manche Ausführungen in Alu-Dibond und den darauf zu sehenen Motiven sind die Preise meinem Verständnis nach zu hoch gegriffen. Auch die Erwähnung des mittlerweile mehr als inflationär genutzten Begriffs des FineArt-Prints empfinde ich als problematisch, ohne dass über das bedruckte Medium genauer Auskunft gegeben wird. Persönlich finde ich Preisangaben wie „Preis nach Vereinbarung" und den Mut, Bilder, die einem wahrscheinlich viel zu schade sind, um sie zu verkaufen, als „unverkäuflich" zu deklarieren, aber wieder sehr spannend.
Dass dann allerdings am Ende der Preisliste der Text „Bei Kaufinteresse bitte eine Mail an: kontakt@artphotoclub.at" mit gelbem Textmarker markiert und das Wort „Kaufinteresse" noch rot unterstrichen ist, wirkt wie ein Versuch, bei den Besucher:innen unbedingt den Wunsch nach einem Kauf zu wecken.
Es ist im Großen und Ganzen eine Art Leistungsschau eines Fotoclubs, der im Gegensatz zu den üblichen „Best of"-Ausstellungen von Fotoclubs mittels eines Themas eine Art Klammer für die Ausstellung versucht. Das richtig Abstrakte reduziert sich hier für mich, allerdings auf zwei Ausstellerinnen - Renhardt und Haslgrübler.
Objektiv betrachtet muss man sich aber und das wiederum ganz subjektiv, selbst ein Bild dieser Ausstellung machen. Die Arbeiten der beiden Fotografinnen sind es aber allemal wert, an der Wand als Prints gesehen zu werden.
Zu sehen sind die Arbeiten des Art Photo Clubs im Linzer Wissensturm noch bis 13.5.2026.
Kontakt Andrea Renhardt
facebook.com/andrea.renhardt
@renhardtandrea
Kontakt Gertrude Haslgrübler
@gh_fotografin
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