Ironie auf Schiene
Proletenschlauch-Protokoll #3

27-01-2026 | (Text, Foto Herbert Koeppel)


Als ich neulich am Bahnsteig auf meinen Zug Richtung Wien wartete, bot sich mir ein Anblick, der auf seltsame Art und Weise beeindruckend war. Vom einen Ende des Bahnhofes bis zum anderen stand ein endlos wirkender Güterzug, voll beladen mit fabrikneuen PKW. Ein stählernes Band aus Blech gewordenen Träumen.


Image

Ein logistischer Mittelfinger

Dieser Zug voller Autos ist das ultimative Mahnmal unserer kollektiven Schizophrenie. Der Kollektivverkehr fungiert hier als billiger Tansport-Sherpa auf Schienen für den Individualverkehr. Ein Zug, der Autos transportiert, ist im Grunde der offene Offenbarungseid unserer Mobilitätswende. Wir nutzen die effizienteste Infrastruktur, die wir haben, nur um das Werkzeug für den nächsten Stau von A nach B zu karren.

Die heilige Kuh im Land

Man könnte es fast für clever halten: Wir wissen längst, dass der heilige Individualverkehr ineffizient, platzraubend und eigentlich ein Auslaufmodell ist. Also packen wir hunderte Autos auf einmal auf die Schiene. Das ist energetisch sinnvoll und zeigt uns gleichzeitig aber auch: Wir könnten anders, wenn wir nicht so verdammt stur wären. Die Infrastruktur ist da, das Wissen auch. Aber wir nutzen sie lieber, um das Problem effizienter zu verteilen.

In Österreich ist das Auto nicht einfach nur ein Fortbewegungsmittel; es ist die „heilige Kuh“, die eher angebetet als auf da reduziert zu werden, was wir tatsächlich benötigen. Hier geht es nicht um Logik oder Umweltschutz, hier geht es um die persönliche Identität und vor allem um das höchste Gut der Alpenrepublik: die Bequemlichkeit. In Österreich ist „individuelle Mobilität“ oft nur eine vornehme Umschreibung für die Unfähigkeit, 500 Meter ohne Klimaanlage und privaten Duftbaum zurückzulegen. Unser Zugang zum PKW ist emotional völlig überladen und wabert im undurchsichtigen Nebel der immer wieder - flächendeckend angeführten „Unverzichtbarkeit“.

Stillstand auf hohem Niveau

Das Bild bleibt ein Widerspruch auf Rädern: Der Zug schreit „Gemeinsam sind wir effizient“, während seine Ladung flüstert: „Ich will aber alleine im Stau stehen.“ Sobald diese Blechlawine die Waggons verlässt, übernimmt wieder die Ineffizienz die Oberhand.

Wir haben das Problem intellektuell längst begriffen. Doch die Politik reagiert darauf mit der Dynamik einer Wanderdüne: zögerlich, wirtschaftlich widersprüchlich und kulturell – was unsere eigene, ganz persönliche Bequemlichkeit angeht – völlig erstarrt.

Wir sind Weltmeister:innen darin, unsere Probleme im Kreis zu schicken. Tief in uns wissen wir, dass wir alle im selben Boot (oder eben Zug) sitzen sollten, aber wir produzieren und liefern fleißig weiter die Maschinen aus, in denen wir dann doch wieder einsam und frustriert die Welt verstopfen.

Ein Hoch auf den Widerspruch – wir transportieren ihn immerhin auf Schienen.