Es ist keine Kunst, es ist einfach nur Photographie...

Fotografie braucht Zeit

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Meine heutigen Gedanken kreisen um das Thema „Zeitaufwand in der Fotografie“. Muss alles schnell gehen, kann und darf man sich Zeit lassen bei der eigenen Fotografie? Mit wieviel Zeitaufwand muss man rechnen, wenn man gute Fotografie machen möchte? Werbung & Co suggerieren ja, dass Kameras und Bildbearbeitungssoftware mittlerweile schon durch KI (künstlicher Intelligenz) einfach und schnell zum perfekten Fotoergebnis verhelfen. Braucht Fotografie nicht auch Erfahrung und daher einfach auch viel Zeit?

Während mancher meiner Workshops, aber gerade bei den Workshops für fotografische Anfänger drehen sich die Gespräche irgendwann um den Zeitaufwand für die eigene Fotografie.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben die TeilnehmerInnen doch irgendwie festgestellt, dass hinter einem ansprechendem Bild doch etwas mehr steht als nur die Kamera im „Grünen (Entmündigten/Handy) Modus zu benutzen um ansprechende Bilder zu machen. Mir ist es ja ganz besonders wichtig, dass TeilnehmerInnen bei solchen Workshops auch schon mit dem „Manuellen Belichtungsmodus“ arbeiten und Zeit/Blende/ISO per Hand einstellen. Meiner Meinung nach ist das ja der beste Weg um die Zusammenhänge und das Thema „Belichtung“ auch letztendlich zu verstehen und zu durchschauen. Doch gerade beim Arbeiten im manuellen Modus merken viele dann auch, dass das ja (am Anfang) auch viel länger dauert, als eine Automatik oder eine Halbautomatik zu verwenden.

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Einen Tipp den ich immer wieder gebe ist der, die Kamera zu nehmen, ein Objektiv anzusetzen und die Kamera im Modus „M“ zu benutzen. Zieht man das konsequent eine Zeit lang durch, sollte das, was ich unter dem Begriff „Fotografieren lernen“ verstehe - also der Umgang mit Zeit/Blende/ISO und der Belichtung nach spätestens ein paar Monaten klar sein. Aber, man muss dafür eben Zeit investieren. Manche mehr, manche weniger.

Leider ist ja heute alles vom Wahn der Schnelligkeit infiziert. Alles muss schnell gehen, angefangen vom Essen bis hin zur Freizeitbeschäftigung „Fotografie“. Schnell zur Location kommen, schnell die Motive finden und dann auch noch schnell Fotografieren. Sicherlich gibt es fotografische Bereiche bei denen muss es schnell gehen, vor allem in der „echten Berufsfotografie“, aber bei der Amateur*- und Hobby/Freitzeit-Fotografie besteht eigentlich keine Notwendigkeit sich damit zu stressen, dass alles schnell gehen muss.

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Betreibt man die Fotografie, so wie viele, oft als Ausgleich zum Beruf, so muss man geradezu auf Hektik, Tempo und Hetze verzichten und sich wirklich Zeit nehmen um an der eigenen Fotografie zu arbeiten. Das bedeutet aber auch, dass man der eigenen Fotografie auch regelmässig nachgeht. Nicht nur hin und wieder, oder wie so oft nur im Urlaub. Es wäre wichtig hier eine gewisse Regelmässigkeit zu schaffen. Denn wenn der Spruch „Übung macht den Meister“ auf etwas ganz besonders zutrifft, dann für die eigene Fotografie.

Besteht der Zeitaufwand nur aus dem „hin und wieder fotografieren“ und „an und ab etwas zu knipsen“, dann traue ich mich zu behaupten, dass die eigene Fotografie nie über ein bestimmtes Niveau hinauskommen wird. Sind die Zeiträume zwischen dem Fotografieren, gerade am Anfang zu groß, so fängt man eher immer irgendwie wieder in der Nähe der Null-Linie an. Man muss sich natürlich auch die Frage stellen, möchte man überhaupt mehr, als nur hin und wieder zu fotografieren oder zu knipsen? Das ist natürlich in Ordnung und vollkommen legitim. Auch Knipsen macht Freude und eigentlich gibt es ja heute keine digitale Kamera, die grundsätzlich schlechte Bilder liefert, daher steht dem eher einfacherem Zugang zur Fotografie, ja auch nichts im Wege.

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Die Frage, die ich mir dann oft stelle, gerade bei Anfängern, musste es dann die neueste SuperMegaPixel-Kamera sein? Nicht das mich da jetzt jemand falsch versteht, ich gönne das jedem der sich das leisten kann. Doch oft ist hier der Frust der BesitzerInnen dieser Geräte schon vorprogrammiert. Sicherlich hat man mit solch einem Gerät eine tolle Kamera, doch wenn dann das persönliche Zeitengagement nicht gegeben ist, leben viele BesitzerInnen eben nur mit dem Potenzial, dass die Ausrüstung bieten würde. Schaffen es aber dann letztendlich nicht aufgrund fehlendem zeitlichen Einsatz, dieses Potential auch durch die eigene Kreativität freizusetzen.

Möchte man also mehr als nur „Gebrauchsfotografie“ für den Urlaub etc. betreiben, so muss man sich im klarem sein, dass diese Freizeitbeschäftigung eben mehr Zeit benötigt als nur an und ab die Kamera in die Hand zu nehmen und etwas zu knipsen.

Hat man bereits einen ganzen Fundus an Freizeitbeschäftigungen und möchte in keinem Bereich zurückstecken, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die eigene Fotografie über einen bestimmten Punkt eben nie hinauskommt. Hat man dann bei der Anschaffung der „Erstausrüstung“ auch noch in die vollen Gegriffen, so wird das Fotografieren immer mit etwas Frust behaftet sein. Denn man weiss ja, wenn man nur mehr Zeit investieren würde, dann könnte man die angeschaffte Fototechnik auch noch kreativer nutzen.

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Ich möchte damit eigentlich nur den Gegensatz zwischen dem Wunsch und der tatsächlichen Realität bei vielen FotografInnen illustrieren. Die Kamera, welches Modell man benutzt, ist dabei eigentlich egal. Gute Fotografie hat immer auch etwas mit „Zeitaufwand“ zu tun. Daran ändern auch nichts die Versprechungen der Hersteller, deren Werbungen oder das manchmal sehr nette Verkaufspersonal beim Händler des Vertrauens, dass einem nun doch vom besseren Kamera-Modell überzeugt hatte.


Zeit für die Bild(Nach)bearbeitung Vielen fotografischen AnfängerInnen steht dann oft unmittelbar die nächste kleine Enttäuschung ins Haus. Die Bilder, die aus der ganz tollen Kamera kommen sind eigentlich nicht ganz so, wie man sich das vorgestellt hatte. Dafür gibt es einige Gründe. Der meines Erachtens wichtigste Grund ist der, dass sich unser menschliches Sehen doch sehr davon unterscheidet, wie eine Kamera sieht. Unser Auge ist ganz gut mit einem einfachen Objektiv vergleichbar, aber alles was dann dahinter in unserem Gehirn in Sachen Interpretation passiert, findet keine Entsprechung in einer Kamera, auch nicht wenn diese mit KI ausgestattet ist.

Es ist daher zwangsläufig so, dass sich die Bilder von den Erinnerungen in unseren Köpfen doch unterscheiden.

Wenn man nun so wie ich die Bilder einer Kamera eher als Rohmaterial versteht und daher diesem Rohmaterial den eigenen Stempel aufdrücken möchte, muss man sich irgendwann bei der Beschäftigung mit der eigenen Fotografie auch mit der Bild(Nachbearbeitung) auseinander setzen. Das Wort Rohmaterial, legt ja schon die Verwendung des RAW-Formats gegenüber dem JPEG - Format einer Kamera nahe.

Ansel Adams, ein Altmeister der analogen Bildentwicklung meinte schon, dass gut die Hälfte der Magie eines Bildes in der Dunkelkammer entsteht. Daran hat sich digital meiner Erfahrung nach, eigentlich auch nichts geändert. Auch wenn Anhänger der OCC-Fraktion (Out of Camera) hartnäckig anderer Meinung sind. Klar liefern heutige Geräte gute JPEG´s direkt aus der Kamera. Keine Frage.

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Doch Bilddaten, die aber ohne weitere Behandlung aus der Kamera gezeigt werden, zeigen halt die Bildentwicklung, die auf Basis der Software des jeweiligen Herstellers und dessen Algorithmen in der Kamera entstehen. Die Kreativität, einer Fotografin oder eines Fotografen im Bezug auf die Bild(Nach)Bearbeitung wird dabei in keinster Weise berücksichtigt.

Daher sollte man sich auch mit dem Thema Software irgendwann auseinandersetzen. Ob man sich nun mit Lightroom, Capture One und/oder Photoshop beschäftig, spiegelt dann auch eher die eigenen Anforderungen oder Neigungen wieder. Für das Endergebnis ist die Wahl der Software eher zweitrangig, sofern die RAW-Konverter dabei ein gewisses Qualitätsniveau erreicht haben.

Das bedeutet zu der Zeit, die man dann für die eigentliche praktische Fotografie aufwenden sollte, kommt natürlich dann auch noch die Zeit in der digitalen Dunkelkammer - die Arbeit am Computer hinzu. Denn auch die Bild(Nach)bearbeitung benötigt Zeit. Zum einem muss man sich einarbeiten, zum anderen benötigt man auch Zeit um mit welcher Software auch immer, eben kreativ umzugehen. Leider scheitern hier auch viele und machen dann nur die nötigsten Schritte - zuschneiden, die Belichtung oder den Weissabgleich verändern. Doch auch wie in der analogen Dunkelkammer, liegt das kreative Bild, der persönliche Stempel bei einer Fotografie jenseits der einfachen Blattkopie.

Gerade in letzter Zeit bewerben manche Hersteller von Bildbearbeitungssoftware deren KI (künstliche Intelligenz) Fähigkeiten ganz besonders. Auf Knopfdruck zum perfekten Bild. Sieht man diese Äusserungen im positiven Licht, so wird darauf hingewiesen, dass Bilder die zum Leben erwachen sollen, eben doch eine Bild(Nach)bearbeitung benötigen. Doch macht man das wieder auf Knopfdruck, mittels Unterstützung von KI, dann gibt man die ganze Kreativität wieder aus der Hand. Damit wird zwar wieder etwas zum teilweisen „Einheitsbrei“ der Fotografie beigetragen, aber als kreativer Mensch kann man sich damit nicht wirklich ausdrücken.

Klar, hat die Fotografin, der Fotograf das Motiv gesehen und aufgenommen, die Bild(Nach)bearbeitung trägt aber doch sehr viel zur letztendlichen Bildwirkung bei. Doch schafft man interessantere Bilder auf Knopfdruck, so muss man sich schon klar darüber sein, dass man das eigentlich nicht selber komplett bewerkstelligt hat.

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Über die Jahre hat sich bei mir meistens ein 50:50 Verhältnis zwischen dem Zeitaufwand für die praktische Fotografie und der Arbeit in der digitalen Dunkelkammer ergeben. Manchmal etwas mehr Zeit bei der praktischen Fotografie, manchmal etwas mehr Zeitaufwand bei der Arbeit am Computer. Das praktische Fotografieren hat dabei bei mir immer sehr viel mit dem Entdecken und dem Sehen von mir neuen Bildkompositionen zu tun, die Arbeit am Computer ist dann in weiterer Folge für mich ein sehr wichtiger kreativer Bestandteil meiner Beschäftigung mit der Fotografie, die letztendlich dann als Print aus dem Drucker kommt.

Nun, egal ob es um das Erlernen des Zusammenspiels von Zeit/Blende/ISO und Belichtung geht oder um den kreativen Umgang mit der persönlich genutzten Bild(Nach)Bearbeitungssoftware. Der Faktor Zeit ist dabei immer wichtig. Beides sowohl die praktische Fotografie, als auch das Erlernen der Ausarbeitung - vor allem der Kreativen - benötigt einfach Zeit. Die muss man schon bereits sein zu investieren. Ich kann Euch daher nur empfehlen, nehmt Euch diese Zeit - sofern Ihr über das gelegentliche Fotografieren und Knipsen hinauskommen möchtet und Eure Bilder, Eure Fotografie ausdrücken sollen.

Die in diesem Text gezeigten Fotografien stammen aus der Serie Taunleiten - Hinter dem Haus, die mich persönlich schon seit einigen Jahren beschäftigt. Eine Serie, in die ich schon ganz ordentlich viel Zeit investiert habe.

Euer Herbert


*Amateur - diesen Begriff verstehe ich her eigentlich im ursprünglichen Sinne. Ein Amateur ist für mich im Gegensatz zu einem Profi jemand der eine Tätigkeit aus Liebhaberei ausübt, ohne gleich einen Beruf daraus zu machen. Im Ursprünglichen Sinne ist ein Amateur ein Laie, ohne formale Ausbildung in einer bestimmten Sache. Wichtig ist dabei, dass der Begriff nichts über die Fähigkeiten bzw. die Sachkenntnis einer Person aussagt. Diese können auch schon mal die von „echten“ Profis übersteigen.


1 Beitrag zum Thema "Fotografie braucht Zeit"


Bin Durch Zufall auf Deine Seite gelangt. Der erste Beitrag war schon ein Vollterffer, jetzt ist rumstöbern angesagt :-) LG Bernhard
Bernhard Schmickt, 22. August 2020 21:20



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