Es ist keine Kunst, es ist einfach nur Photographie...

Normandie #5 - DDay 6. Juni 1944 - Omaha Beach und La Point de Hug

|

2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8150597-3237.jpg

Heute vor genau 76 Jahren, um ca. 06:30 Uhr stürmte die erste Welle der US-Infantrie durch hüfthohes Wasser Richtung Strand in der mehr als zehn Kilometer breiten Landungszone. Diese hatte den Codenamen „Omaha Beach“ während der Vorbereitungen für den Tag, der auch oft als „längster Tag“ bezeichnet wird erhalten. Den US-Infantristen standen zu diesem Zeitpunkt ca. 500 deutsche Soldaten in deren schwer befestigten Widerstandsnestern direkt über dem Strand gegenüber. 

2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8140486-3246-3259.jpg

Blickt man von etwas oberhalb hinunter auf Omaha Beach so ist es sehr verwunderlich, dass es von den anlandenden Alliierten Truppen überhaupt jemand lebend über den Strand geschafft hatte. Wenn man bedenkt, dass dann auch noch im Hinterland, nochmal eine ähnliche Anzahl von deutschen Stellungen auf die amerikanischen Soldaten wartete, so kann man sich gut vorstellen, dass hier allen Beteiligten der Tag wirklich enorm lange vorgekommen sein muss.

Angriffswelle um Angriffswelle blieb zunächst am Strand hängen, dringend benötigtes schweres Gerät sowie Spezialkräfte wurden durch den Beschuss der deutschen MG-Stellungen regelrecht niedergenagelt und steckten fest. Wenn man die verschiedenen Quellen durchforstet so waren sich alle zu diesem Zeitpunkt darüber einig, dass der Landungsversuch auf Omaha Beach kurz vor einer Katastrophe stand und dass die GI´s kurz davor standen unter starkem Beschuss wieder zurück ins Meer geworfen zu werden. Die A-Kompanie des 116. Infanterieregiments wird, nachdem sich die MG Stellungen der Verteidiger eingeschossen hatten innerhalb von knapp 10min zu fast 96% aufgerieben.


2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8150500-3234.jpg 2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8140482-3236.jpg 

Traurige Berühmtheit hat dabei eine Gruppe von knapp 40 US-Soldaten aus der Kleinstadt Bedford aus Virginia erlangt. 20 der als Bedford Boys bekannt gewordenen Soldaten fielen dabei auf Omaha Beach, die überlebenden Bedford Boys wurden während der Landung schwer bis leicht verletzt.

Von Robert Capa, ein Kriegsreporter der damaligen Zeit, der bei der Landung der US-Truppen auf Omaha Beach bei einer der ersten Landungswellen dabei war, wird erzählt, dass er durch den heftigen Granatbeschuss der ab einem gewissen Zeitpunkt einsetzte, so stark zu zittern begann, dass er keinen Film mehr in seine Kamera einlegen konnte. Als Photograph, der üblicherweise sehr gemütlich mit seinem Stativ fotografiert kann ich mir diese Situation nicht im geringsten Vorstellen. Dabei überhaupt noch ans Fotografieren zu denken, ist schon unvorstellbar.

Zwischen Omaha Beach und Utah Beach lag die äusserst stark befestigte Stellung Pointe du Hoc, mit deren schweren Geschützen, dass war den Planern der Operation Overlord klar, Omaha Beach auf das schwerste beschossen werden konnte. 225 US-Ranger gingen dort während der Landung mit 40 minütiger Verspätung an Land um diese Stellungen auszuschalten. Obwohl die Ranger auch dort auf Widerstand stiessen, mussten sie nach dem erklettern des etwa 30 Meter hohen Abschnitts an der Steilküste feststellen, dass die schweren Geschütze bereits lange vorher ins Hinterland abtransportiert worden waren. Nachdem die Ranger am Rande des Pointe du Hoc einen Brückenkopf errichtet hatten, wurden sie am 6. und 7. Juni mehrmals von deutschen Truppen angegriffen und 200 Meter vor der Spitze der Klippe eingekesselt. Am 7. Juni war die Ranger-Einheit von ursprünglich 225 Männern auf nur noch 90 kampffähige Männer geschrumpft.


2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8170890-HDR-3440-3490.jpg 2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8170880.jpg

Während die Ranger auf Pointe du Hoc landeten und die Steilküste hinaufkletterten, wurde auf Omaha Beach weiterhin mörderisch gerungen. Sämtliche US-Truppen steckten am Strand fest und lagen quasi unter Dauerfeuer der deutschen Stellungen. Um den Beschuss durch die eigenen Reihen zu verhindern, konnten auch die auf See liegenden Kriegsschiffe mit deren schweren Geschützen nicht eingreifen um die deutschen Befestigungen am Strand unter Beschuss zu nehmen.

Doch irgendwie, etwas, dass mich als ich dort selbst letztes Jahr am Strand gestanden hatte wunderte, schaffen es die Landungstruppen dann doch die ersten Breschen in die deutschen Linien zu schlagen. Das Widerstandsnest 62, das etwa in der Mitte von Omaha Beach lag, hielt die im Sand eingegrabenen US-Truppen aber trotzdem immer noch unter schweren Beschuss. Mittlerweile war es auf Omaha Beach schon recht eng geworden, viel zu viel Material, Kampftruppen und Panzerlandungsboote waren am Strand. Der Materialstrom in Richtung Strand wurde dann unterbunden um das Vorrücken der Infanterie zu erleichtern.

Nach knapp 6 Stunden seit Landungsbeginn auf Omaha Beach konnten die Landungstruppen vier Brückenköpfe auf den Dünen errichten, doch die laut Angriffsplan vorgesehenen Wege ins Hinterland waren weiterhin unter schwerem Feindbeschuss. Auf Omaha Beach zeigte sich, dass selbst der beste Plan sich bei Feindberührung sehr bald in Rauch auflösen konnte. Auf George A. Taylor, dem Kommandeur des US-Infanterieregiments 16 geht eine klare Weisung für den Angriff zurück : „Nur zweierlei Leute bleiben auf dem Strand: die Toten und die Sterbenden. Alle anderen: nichts wie weg von hier!“. Verharren und Stillstand bedeutete für viel GI´s an diesem Vormittag den sicheren Tod, nach vorne zu stürmen erforderte unglaublichen Mut, erhöhte aber auch die Chancen für das eigene Überleben.

Langsam, aber sicher wurde der Widerstand der deutschen Verteidiger gebrochen. Zur Berühmtheit brachte es auch die Mannschaft des Widerstandsnest 62. WN62 leistet bis zum späten Nachmittag erbitterten Widerstand gegen die heranstürmenden Amerikaner. MG-Schütze Franz Gockel und Heinrich Severloh verschossen laut eigenen Angaben an diesem Tag mehr als 12.000 Schuss Munition.

Zitat aus einem Brief den Franz Gockel am 10. Juni an seine Familie schrieb... „Dann begann das Morden. Es wurde geschossen, was die Läufe nur hielten. Bald lag der ganze Strand voll von Amerikanern. Auch viele Unverletzte blieben auf dem Sand liegen. Aber als das Wasser kam, mußten auch sie weiter. Dabei wurden sie abermals von uns unter Feuer genommen. […] Wir konnten es gar nicht begreifen, daß die in dem Feuerhagel trotz ihrer schweren Verluste immer wieder kamen. […] Die hundertfache Übermacht hat wohl jeder von uns beseitigt. Ich habe mit meinem Gewehr über 400 Schuß verschossen. Und das auf die günstige Entfernung von 100 bis 250 Meter.“

Für beide Seiten mussten in diesen Stunden die Situationen unglaublich gewesen sein. Die einen mussten auf Befehl auf Dauerfeuer schiessen, obwohl angesichts der heranstürmenden Massen klar gewesen sein muss, dass die Verteidigung nicht ewig stand halten würde. Die Anderen mussten weiterhin auf die Mündungen der MG´s und Gewehre zulaufen, da dass der einzige Ausweg und für viele die einzige Rettung war. Doch irgendwann war es dann so weit, die Deutschen mussten das WN62 schliesslich doch aufgeben.

Franz Gockel bemühte sich dann später gegen Ende der 50iger Jahre für die deutsch-französische und deutsch-amerikanische Versöhnung. Heinrich Severloh´s Geschichte wurde zum ersten Mal 1960 bekannt, als er sich an den Publizisten Paul Carell wandte. Carell verwendete Severlohs Aussagen für sein Buch „Sie kommen! Die Invasion der Amerikaner und Briten in der Normandie 1944.“ Später schilderte Heinrich Severloh seine Erlebnisse dann im Jahr 2000 erschienenen Buch „WN62“.


2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8180899-4147.jpg 2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8140380-3232-3235.jpg 

Fährt man in die Normandie auf Urlaub und geht dort mehr oder weniger mal kurz am Omaha Beach spazieren, so ist das wahrscheinlich einfach nur ein schöner Strand, mit einer kriegerischen Vergangenheit. Recherchiert man allerdings viel zu diesem Thema, dann eröffnet sich einem dort am Strand auch bei schönsten Sonnenschein eine etwas eigenartige Atmosphäre. Diese entsteht nur aufgrund des genaueren Hintergrundwissens um die Ereignisse am D-Day im Juni 1944 und mit dem Wissen um den weiteren Verlauf der Befreiung der Normandie in den darauffolgenden 90 Tagen.


2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8140376-4173.jpg 2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8140394.jpg 

Omaha Beach scheint jetzt einfach nur ein Strand zu sein, auch wenn hier und da noch der eine oder andere metallische Überrest vom Meer ans Tageslicht gebracht wird. Doch beschäftigt man sich mit dieser Materie intensiv, so habe ich mich letztes Jahr öfter dabei erwischt wie ich in Gedanken zumindest an den späten Nachmittag des 6. Juni 1944 hinüberwechselte, und die vielen historischen Fotografien, die ich aus diesen Tagen angesehen hatte, dann vor meinem geistigen Auge lebendig wurden.

2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8130362-4172.jpg 2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8130356-4176.jpg

Heute erinnern auf alle Fälle am Omaha Beach zwei, nicht übersehbare Mahnmale an diesen 6. Juni vor 76 Jahren. Auch wenn vielen dieser Erinnerungskult nicht verständlich ist, bzw. oft auch zu „heldenhaft“ und „amerikanisch“ gefärbt erscheint, so bin ich letztes Jahr auch überrascht gewesen über die Verbundenheit der Franzosen in der Normandie mit diesen historischen Ereignissen. Klar, alle diese Ereignisse aus der Vergangenheit sind heute auch für den Tourismus in der Normandie von großer Wichtigkeit, doch hat sich auch über die Jahrzehnte eine Erinnerungskultur entwickelt, die die Kluft zwischen touristischer Nutzung und historischem Verständnis versucht.

Auch wenn sich manche Dinge in meiner Blog Serie „Normandie44“ ein wenig wiederholen, so ist es mir persönlich doch wichtig, mich in der Woche vom 6. Juni und noch einige Tage darüber hinaus mit meinen Photographien aus dem letzten Jahr zu beschäftigen. Covid-19 hat meine Reise, die mich diese Woche wieder in die Normandie führen sollte verhindert, aber nicht abgesagt sondern nur verschoben.


2019-500px-web--herbertkoeppel-photographs-and-workshops-_8150617-3247-3260.jpg

Ich freue mich schon darauf, diesen Abschnitt der Normandie wieder mit eigenen Augen zu sehen und meine Gedanken, Ideen und Empfindungen letztendlich wieder in meinen Photographien festzuhalten.

Euer Herbert


1 Beitrag zum Thema "Normandie #5 - DDay 6. Juni 1944 - Omaha Beach und La Point de Hug"


Wahnsinnig toller Blog zu einem, für uns zum Glück fernen, aber dennoch sehr beklemmende Thema. Deine Fotografien begleiten intensiv die Worte! Ich war selbst vor einigen Jahren da, und konnte die von dir beschriebene Stimmung am eigenem Leib erfahren.
Christian Fuhrmann, 6. Juni 2020 13:01



Kommentiere den obigen Beitrag.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht

Captcha

Processing...




Contact
Newsletter
Impressum
Site Map

Copyright © Herbert Koeppel

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können.