Rückblende 2018.271





Da bin ich jetzt aber „enttäuscht“....

Neulich beim Fotografieren während eines Workshops, hörte ich diese Äusserung über ein gerade von mir aufgenommenes Motiv, dass auf dem Display meiner Kamera zu sehen war. „Da bin ich jetzt aber enttäuscht!“ meinte die Fotografin, die mit mir an diesem Tag unterwegs war. Auch wenn es etwas seltsam sein mag, aber enttäuscht zu sein oder zu werden hat eigentlich auch etwas Positives und Gutes an sich.

Warum?

Erfährt man eine Enttäuschung dann unterliegt man meistens auch einer vorangegangen (Selbst)Täuschung oder einer Erwartungshaltung. Ob diese Täuschung nun hausgemacht, bzw. ob man einer externen Täuschung unterliegt, ist dabei für mich nicht wirklich wichtig. Viel wichtiger finde ich es, dass eine Enttäuschung eigentlich auch etwas Positives an sich hat. Erfährt man eine Enttäuschung ,so hat man ja in diesem Moment die Möglichkeit, eine Angelegenheit realistischer zu erfahren.

Eine Sache ist dann so wie sie ist, entweder
so oder einfach ganz anders.

Enttäuschungen haben für mich auch immer sehr viel mit den eigenen Erwartungen, die man in eine Sache oder eine Person hat, zu tun. Eine Erwartung wächst immer in einem Selbst, dabei ist es egal ob der Auslöser dafür von aussen kommt oder nicht. Problematisch wird es oft, wenn man eben eine bestimmte Erwartungshaltung hat. Sollte die Erwartung zur Gänze erfüllt werden, etwas, dass eigentlich nie passieren wird fühlt man sich gut. Wird die Erwartung nicht erfüllt, fühlt es sich oft nicht so gut an. Gerade eine Enttäuschung führt aber eigentlich immer zu einem klareren Blick auf eine Sache.

So gesehen finde ich, dass Enttäuschungen auch durchwegs freier und auch zufriedener machen können.
Gerade in dem Bereich mit dem ich mich sehr viel beschäftige, eben der Fotografie, wird man, so denke ich auch oft mit dem Thema der Enttäuschung konfrontiert werden.


Wobei? Bei vielen Themen....
Bei Erwartungshaltungen, die z.B. Hersteller mit neuen Produkten wecken, bei der Teilnahme an Fotowettbewerben, beim Betrachten eines neuen Bildbandes, den man sich gerade zugelegt hat, beim Erkunden einer vermeintlich „fotogenen“ neuen Location, beim Besuch eines Workshops, beim Besuch einer Ausstellung eines hochgepriesenen Fotografen, beim Posten in den sozialen Netzwerken, wenn man seiner Meinung nach viel zu wenig Likes bekommt oder das Fotografien doch bearbeitet werden müssen... Es gibt unzählige Dinge in diesem Bereich, bei denen man der eigenen Erwartungshaltung unterliegen kann.

Gerade beim Betrachten von Arbeiten von anderen Fotografen, ergeht es einem leicht, dass man eine Enttäuschung erfährt oder die eigene Erwartungshaltung einen Schlag versetzt bekommt.

Doch warum?
Schaut man sich die Arbeiten von jemand an, der gerade zu fotografieren begonnen hat, dann wird man in der Regel keine Erwartungshaltungen haben. Hier stellt sich oft eher Überraschung ein, wenn man eine ansprechende Fotografie sieht.

Mit Arbeiten von jemanden, dessen Werke man bereits kennt und schätzt passiert das schon leichter.


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Was steckt hier wahrscheinlich dahinter?
Hat jemand schon ansprechende Fotografien produziert, dann e
rwartet man, dass nahezu jede Fotografie dieser Person für Andere ansprechend wirkt. Das wird in vielen Fällen eben aber nicht so sein. Dieser Anspruch ist nicht erfüllbar. Ich gehe sogar soweit, dass man es auch „bewusst“ vermeiden sollte, diesen Anspruch bei der eigenen Fotografie zu erfüllen.

Eigene Arbeiten sind Werke, die aus ganz eigenen und ganz persönlichen Gründen gesucht, gefunden, aufgenommen und auf bestimmte Art und Weise entwickelt worden sind. Arbeiten, die zwar öffentlich gezeigt werden können, bei denen aber während der Entstehung in keinster Weise daran gedacht wurde, ob und wie gut diese Arbeiten beim Publikum ankommen könnten. Eigene Arbeiten, sind auch Werke, die in keinster Weise irgendwelchen Vorstellungen, Erwartungshaltungen und Regeln entsprechen können. Es sind Arbeiten, die man auch dann machen würde, wenn niemand sie sehen würde. Ich weiss, ein ketzerischer Gedanke in einer Zeit, in der viele Fotografien oft aus exhibitionistischen Gründen entstehen und gezeigt werden.

Vollzeit-Berufsfotografen und der neue Stand der semi-professionellen Fotografen müssen bei Auftragsarbeiten immer Ihr Publikum, Ihre Auftraggeber im Hinterkopf behalten. Das ist auch gut so, denn sie haben ja auch einen Auftrag.

Alle Anderen aber nicht!
Allen Anderen kann ich nur empfehlen, vergesst während dem Entstehungsprozess Eurer Fotografien einfach Euer mögliches Publikum. Vergesst ob andere Eure Fotografien jemals sehen werden und denkt nicht daran, ob Eure Fotografien Anderen gefallen werden. Fotografiert und Arbeitet an Euren Bildern für Euch. Macht Bilder, die das zeigen, was Ihr seht, Ihr fühlt, Ihr in eine Sache hinein interpretiert.

Befreit Euch von der Meinung, dem Urteil und der Bewertung Anderer im Bezug auf Eure Fotografie. Euer fotografisches Selbstwertgefühl hat nichts mit der Meinung Anderer über Eure Fotografie zu tun. Wenn Ihr Fotografien zeigt, zeigt was Ihr seht, was Ihr aus Euren Motiven macht und nicht das, was sich Andere eventuell von Euch erwarten, bzw. sich von einem Motiv erwarten.

Sind Sie enttäuscht, dann ist es gut. Sie sehen damit etwas klarer. Sind sie nicht enttäuscht, auch gut. Gefallen Eure Fotografien Anderen nicht, gut. Gefallen Eure Fotografien anderen Menschen, auch gut. Aber
„eigene Fotografie“ zu betreiben mit dem Hintergedanken, dass diese Anderen gefallen, führt in die persönliche fotografische Entfremdung und letztendlich in eine Sackgasse. Eine Sackgasse, in die man sich sehr leicht selbst bringen kann. Es entstehen dabei sehr oft Fotografien, die fremde Vorstellungen erfüllen. Eigene Fotografie erfüllt aber keine fremden Vorstellungen, sondern nur die Eigenen.

In diesem Sinne, noch viel Freude mit Eurer „eigenen“ Fotografie und falls es jemand gibt, der eine eigene Meinung zu dem Thema hat und es Ihm/Ihr jetzt in den Fingern kribbelt schreibt mir einfach (
info@herbertkoeppel.com)!






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Texthinweis: Dieser und andere Texte stellen meine ganz persönliche Meinung dar und drehen sich um Dinge, die mich im Rahmen der Fotografie beschäftigen und werden von mir immer absolut subjektiv wiedergegeben. Klar dabei ist, dass weder ich, noch irgendjemand anderer einen Anspruch auf die ultimative Wahrheit hat.

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