Antwort auf einen Kommentar .....

Im drehenden Wald<br />Wienerwald, Mauerbach, Österreich. 2016Wienerwald, Mauerbach. 2016Am Fischteich<br />Wienerwald, Mauerbach, Österreich. 2016


Hallo Wolfgang,  schön das Du geteilter Meinung bist durch meine Fotografien. Da merkt man, dass jemand sich die Bilder auch mal intensiver ansieht und nicht nur denkt "Wow!", "Super!" , „Gefällt mir!“, „Gefällt mir nicht!“ oder einen ähnlichen kurzen Gedanken bei der Bildbetrachtung hat. Du hast mich durch Deinen
Kommentar zu einigen Gedanken angeregt.

Bei genauerer und intensiver Betrachtung meiner eigenen Fotografie habe ich festgestellt, dass ich vor allem mal gerne in der Natur draussen bin. Wie Du ja weisst auch nahezu fast bei jedem Wetter. Die Naturfotografie ist ja vor allem mal ein Bereich der Fotografie, bei dem das Interesse, d.h. die Motive aus der Natur kommen - z.B. Landschaften, Tiere und all die anderen Erscheinungen, die die Natur hervorbringt. Das bedeutet nicht zwanghaft, dass die Naturfotografie nur im dokumentarischen Sinne, sozusagen aufgenommen und gezeigt wie es war, verstanden werden darf und soll. Die meisten Amateure sehen in der Beschäftigung mit der Fotografie ja eigentlich vorrangig den Zweck der Unterhaltung, zum einen das Erlebnis in der Natur zu sein und zum anderem dem Zweck ein Abbild von dem festzuhalten was man gesehen und mit allen Sinnen erlebt hat und auch anderen diese Bilder anschliessend zeigen zu können.

Es gibt Menschen die fotografieren, die die Naturfotografie rein dokumentarisch verstehen und auch anwenden, es gibt sicherlich die Puristen, die damit beschäftigt sind, eben vorgefundene Situationen in der Natur so natürlich wie möglich wiederzugeben. Wenn man sich damit beschäftig wie sehr sich die Aufzeichnung in der Fotografie von unserer menschlichen Wahrnehmung - unserem Sehen - unterscheidet. Dann wird einem sehr klar, dass man mit derzeitigen technischen Mitteln im Prinzip damit scheitert die Natur, die man erlebt hat, so wiederzugeben wie sie in diesem Moment war. Ein wichtiger Gedanke bei meiner Art der Fotografie ist dabei der Gedanke „wie man es persönlich erlebt hat“. Eine Fotografie, egal wie Sie in der Kamera entstanden ist - auf Film oder Sensor - zeigt niemals die Natur, sondern immer nur ein Abbild davon. Eine Fotografie ist immer die Abbildung der Aussenwelt - niemals die Aussenwelt selbst.

Ich muss dabei immer an die Wahrnehmung anderer Tiere, sei es die mancher Säugetiere, Reptilien und Insekten denken. Wie würden deren fotografischen Werke aussehen - wenn sie eine Technik der Bildaufzeichnung und Wiedergabe entwickelt hätten, die Ihren Sehgewohnheiten entspräche? Bei vielen dieser Tiere hätte man als menschlicher Betrachter wahrscheinlich den Eindruck man wäre auf einem anderem Planeten. Stubenfliegen sehen z.B. in Zeitlupe, Bienen und Hummeln sehen, dass was wir als Blüten bezeichnen im UV-Licht. Ein Spektrum der sogenannten „Wirklichkeit“, dass uns Menschen ohne technische Hilfsmittel vollkommen verborgen bleibt. Reptilien, erkennen Ihre nächste Mahlzeit oft an der Infrarot-Strahlung. Bei Hunden z.B. war man ja lange Zeit der Meinung, dass die nur S/W sehen, tatsächlich dürfte es aber nach neuesten Forschungen so sein, dass Hunde eher so sehen wie jemand der rot-grün-farbenblind ist. Dazu fällt mir noch die wesentlich höhere Lichtempfindlichkeit von Katzen und auch Hunden ein.

Einen Gedanken, den ich noch beim Nachdenken über Deinen Kommentar hatte, war der, dass ja eigentlich die meisten fotografierenden Menschen denken, dass die Kamera (also Optik, Sensor, Elektronik) die Szenerie so wiedergeben, wie diese war. Dabei liefert doch jede Kamera, eines jeden Herstellers bei identischen Einstellungen (Belichtung, Optik etc.) ein etwas anderes Ergebnis.
Also gibt es so darüber nachgedacht eine Olympus-, Nikon-, Canon-, Sony-, Pentax- , Leica- usw. Wirklichkeit. Daher hört man auch oft Aussagen wie „Die Farbwiedergabe meiner Sony gefällt mir besser!“. Wobei das ja auch nur die halbe Wahrheit ist, denn für die Farbwiedergabe ist ja das Labor bzw. heute der jeweilige Raw-Konverter auch zuständig. Ganz zu schweigen von der Verzerrung der gesehenen Szenerie durch unterschiedliche Objektive und deren Bildwinkel.

Wie sieht es denn eigentlich mit der Lichtsammelfähigkeit einer Kamera, bzw. des Sensors aus? Entspricht eine Langzeitaufnahme - egal von welchem Motiv - der von Menschen gesehenen Wirklichkeit? Ich denke nicht!

Ob man es persönlich nun wahrhaben möchte oder nicht, jeder Mensch - eigentlich jedes uns bekannte Lebewesen - hat eine ganz eigene und individuelle Sicht auf die Dinge und auf Alles.
Damit meine ich jetzt nicht nur Meinungen, Einstellungen und Glaubenssätze - sondern wirklich die sprichwörtliche optische Sicht auf die Dinge.

Die Natur steht bei meinen Motiven absolut im Vordergrund. Naturfotograf bin ich daher auch, da ich die Natur fotografiere. Genauso ist ein Architektur-Fotograf derjenige, der Architektur fotografiert oder jemand dessen hauptsächliche Beschäftigung darin liegt Lebewesen zu portraitieren, in diesem Sinne daher ein Portrait-Fotograf ist. Das impliziert aber nicht, dass man als sogenannter Naturfotograf, die Natur nicht als Skizzenblock oder als Bühne für die eignen persönlichen Sichtweisen und Interpretationen verwenden soll und natürlich auch darf. Wobei man jetzt die künstlerische Naturfotografie, so wie ich Sie verstehe nicht mit der Arbeit und den Ergebnissen von Bild-Composing vermischen darf. Wobei Bild-Composing natürlich eine vollkommen legitime Art und Weise ist, ein bildnerisches Werk zu erschaffen.

Bei der Fotografie obliegt man, so bin ich der Meinung, der Täuschung, da man durch die Technik einen „Augenblick“ einfrieren kann, die Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist, festhalten zu können.
Ich als Naturfotograf bediene mich in meinem Fall der Technik Fotografie um meine Vorstellungen und Inspirationen festzuhalten und darzustellen. Wenn ich Landschaftsmaler wäre, wäre es nicht anders und niemand käme auf die Idee zu fragen, ob das die Wirklichkeit ist. Da würde ich halt die Technik der Malerei oder des Zeichnens anwenden um meine Bilder zu erschaffen.

Etwas fällt mir dazu noch ein. Deine Wortwahl „durch künstlerische oder surreale Elemente überlagert“ suggeriert ja bei manchen Menschen, es sei dem Abbild etwas nach dem fotografieren hinzugefügt worden. Im allgemeinen werden ja Abbilder, die aus der Kamera kommen, ja als Original angesehen, also als originales Abbild.



Im drehenden Wald<br />Wienerwald, Mauerbach, Österreich. 2016

Bei diesem Bild ist das ja auch so. Die Kamera wurde während der Aufnahme gedreht und hat die Aussenwelt, Ihren technischen Möglichkeiten entsprechend aufgezeichnet. Ist das jetzt dadurch die Wirklichkeit? Nein, nicht meine gesehene - aber meine vor der Aufnahme vorgestellte Wirklichkeit. Ein grosser Unterschied im Endergebnis, einen Unterschied den ich für mich erst entdeckt hatte, als ich intensiv in die S/W Fotografie eingetaucht bin.



Wienerwald, Mauerbach. 2016

Bei diesem Abbild, also beim Sehen des Motives fühlte ich mich z.B. sehr beobachtet von dieser Buche. Ein Gefühl, ein Gedanke, den ich durch diese Art der Entwicklung für mich umgesetzt habe.
Interessanterweise erkennst Du darin auch eine Art von Auge und fühlst Dich davon in irgendeiner Form ebenfalls berührt.






Am Fischteich<br />Wienerwald, Mauerbach, Österreich. 2016

Dieses Bild ist eigentlich meiner Phantasie entsprungen - vor dem Fotografieren. In meiner Vorstellung haben sich die Spiegelung des Baumes, die durch eine Langzeitbelichtung verschwommenen Herbstblätter zu diesem fertigen Abbild vereint. Durch die Anwendung der Technik des Fotografierens konnte ich damit meiner Vorstellung Ausdruck verleihen. Bis auf die S/W - Entwicklung ist dieses Abbild so aus der Kamera gekommen - aber trotzdem meilenweit weg von meiner Wahrnehmung, der mir vorgefundenen Situation Vorort.

Nun, ich muss mich bei Dir bedanken Wolfgang. Durch Deinen Kommentar hast Du bei mir wieder einige Menge interessanter Gedanken zur Fotografie, zum Sehen, zum Abbilden und zur Entwicklung angeregt. Eventuell konnte ich durch meinen Text, Dich Deine Fotografie betreffend, auch anregen über diese Dinge nachzudenken.

Gut Licht
Herbert